Der Iran ist eine "black box", Medienzensur und Internetblockaden machen es für Geflüchtete schwierig, Kontakt zu halten mit Angehörigen.
Eine Sprachnachricht seines Vaters hat Arian erreicht, auf Umwegen und erst Tage nach den Protesten im Iran. Voller Angst spricht der alte Mann auf den Anrufbeantworter von Arians Mutter: "Ich bin auf der Straße. Ich höre Gewehrschüsse. Ich liebe Euch. Kümmere Dich um meinen Sohn!" Im Hintergrund sind Explosionen zu hören. Dann bricht die Aufzeichnung ab.
Auch Arians Stimme bricht. Er schweigt. Versucht, seine Tränen zu verbergen. Wischt sich rasch über die Augen, unter denen sich dunkle Ringe abzeichnen. Man sieht es Arians Gesicht an, dass er seit Tagen kaum Schlaf gefunden hat.
Wir haben uns in einem Restaurant in Arnheim getroffen, gleich hinter der deutsch-niederländischen Grenze. Arian, sein Familienname ist der Redaktion bekannt, lebt seit etwa drei Jahren in den Niederlanden. Den Kontakt mit Freunden und Familie im Iran hält er über Nachrichten-Apps. Solange diese funktionieren, sprich: solange das Regime in Teheran nicht die Internetverbindungen beschränkt oder zwischendurch ganz kappt.
In einem früheren Leben wollte Arian Medizin studieren, sich auf plastische Chirurgie spezialisieren. Der junge Mann zeigt mir ein Foto auf seinem Handy, eine der ersten Schönheitsoperationen, bei denen er als Student assistieren durfte. Vergangenheit.
In regelmäßigen Wellen hat das Regime Teile der Jugend aus dem Land gejagt. So war es auch nach den Protesten 2022, nach dem Tod der jungen iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini im Polizeigewahrsam. Damals wurde der Protest getragen von der Wut der Frauen, die sich nicht länger klaglos den rigiden Kleidervorschriften und systematischen Benachteiligungen unterwerfen wollten. Hundert Tage dauerten die Proteste, 537 Menschen wurden getötet, 20.000 verhaftet (Quelle: Human Rights Activists News Agency HRANA).
Es gibt so viele Tote
"Aber was heute im Iran geschieht, ist um ein Vielfaches schlimmer", sagt Arian. "Das sind Massentötungen. Es gibt so viele Tote!" Arians große, dunkle Augen blicken verzweifelt. Auf seiner Stirn haben sich steile Falten gebildet. "Nach dem Abschalten des Internets (am achten Januar 2026, Anmerkung der Redaktion) wurde hemmungslos gemordet. Wir wissen nicht, wieviele Menschen getötet wurden, manche Schätzungen sprechen von über 30.000 Toten."
Diesmal gründen die Proteste in der allgemeinen Unzufriedenheit über den Verfall der Landeswährung Rial und die desaströse Wirtschaftslage. Ende Dezember 2025 gingen zahlreiche kleine Ladenbesitzer auf die Straße, bald schlossen sich Studenten an, Durchschnittsbürger und Mittelstand, Geringverdiener in fast allen Landesteilen. Inflation, Kaufkraftverlust, Perspektivlosigkeit sind die Treiber der Proteste heute.
Exil-Iraner: Die Stimme der Sprachlosen
Arian hat sich etwas gefasst. "Das einzige was wir tun können, ist unsere Stimme zu erheben. Schweigen ist Gewalt. Wir müssen die Stimme der Sprachlosen sein." In den Niederlanden nahm Arian teil an Solidaritätsdemonstrationen exilierter Iraner, griff auch selber zum Mikrofon, als Sprecher. Er zeigt mir einige der Videomitschnitte auf seinem Handy: Fahnen, Protestplakate, verzweifelte Menschen.
"Sie foltern viele der Festgenommenen", berichtet Arian, "sie verhaften Menschen sogar im Krankenhaus, auch Minderjährige, Kinder." Erneut muss er ein kurzes Schweigen einlegen, sich sammeln. "Es ist wirklich hart für uns. Auch für meine eigene Familie, meine alten Freunde und Bekannte, mehrere wurden getötet, einige von Ihnen landeten im Krankenhaus auf der Intensivstation." Arian holt Luft: "Diese Menschen sind unschuldig, sie sind lediglich für Ihre Rechte eingetreten."
Eine knappe Geste zu den Augen, ein Innehalten. Wie damit umgehen, dass im engsten Bekanntenkreis mehrere Menschen getötet wurden? Was tun, damit man nicht absackt in lähmende Angst und Depression? "Ich habe Glück mit meinen Kollegen hier im Restaurant, in dem ich mitarbeite", sagt Arian. Ein zaghaftes Lächeln erhellt sein Gesicht. "Die Kollegen kümmern sich um mich, haben mir einen Tag frei gegeben, als es bei mir gar nicht mehr ging. Sie versuchen, mir zu helfen, so gut sie können."
Freunde in der neuen Heimat helfen
Wieder sucht Arian in seinem Handy, zeigt mir ein Kinderfoto und eine bunte Zeichnung. "Wenn ich nicht gerade im Restaurant helfe, lege ich gelegentlich als DJ auf", erzählt er. "Manchmal sind auch niederländische Eltern mit ihren Kindern da. Und dann hat dieses Kind seine Mama gefragt, warum ich so traurig aussehe. Zuhause hat das Kind dann diese Zeichnung angefertigt und mir geschickt, damit ich mich darüber freue und es mir wieder etwas besser geht." Man merkt Arian an, dass er ehrlich gerührt ist von dieser Geste. Sie bedeutet ihm viel. Eine Kinderzeichnung, die ihn aus der Hoffnungslosigkeit herausholt.
Aber auch von Erwachsenen erhält Arian Zuspruch, der ihn aufrichtet. "Ich habe in meinem Leben bereits so viele schreckliche Dinge gehört und erlebt. Doch eines Tages hat ein älterer Herr, der so etwas wie ein fester Bezugspunkt in meinem Leben ist und mir gewissermaßen Orientierung vermittelt, zu mir gesagt: Jedes Ding im Leben hat seine Zeit. Es gibt die Zeit, auf die Welt zu kommen. Es gibt die Zeit, zu sterben. Doch heute sehe ich, dass man innerlich jeden Tag mehrmals sterben kann, aber jeden Tag auch neu auferstehen, immer wieder."
Eine philosophische Überlegung, die Arian Kraft gibt, sich - trotz der schrecklichen Nachrichten aus der Heimat - immer wieder aufs Neue in den niederländischen Alltag zu werfen, sich den Tagesherausforderungen zu stellen, im Restaurant, auf den Ämtern, bei der Zukunftsplanung. Denn neben der Sorge um seine Verwandten, Nachbarn und Freunde muss Arian sich auch um sein eigenes Leben, seinen Neuanfang in der neuen Heimat kümmern.
Arians Integrationstipp: Arbeit, Freunde, Anschluss finden
Arian hat es selbst erlebt, Integration in Gesellschaft und Kultur eines fremden Zufluchtslandes ist schwierig. Die Hindernisse sind riesig, auch für aufgeschlossene Menschen wie Arian. "Als ich vor etwa drei Jahren in den Niederlanden aufgenommen wurde, kannte ich niemanden hier. Die Kultur war neu, einfach alles war neu für mich", erzählt er von seinen ersten Schritten im Exil. "Ich glaube, der Schlüssel für eine gelungene gesellschaftliche Integration liegt in dem Wort: Anschluss."
Und um diesen zu finden, suchte Arian früh nach Arbeit, baute sich einen Freundeskreis auf, trieb Sport. Er besuchte Büchereien, fand Menschen , die ihm beim Spracherwerb helfen. "Wenn die Menschen um Dich herum sehen, dass Du Dich ernsthaft bemühst, Dir die Kultur des Aufnahmelandes anzueignen, die Sprache zu lernen, dann gehen sie auch auf Dich zu und akzeptieren Dich."
Kellnern als Sprungbett
Arian betont einen Integrationsaspekt, der in der oft aufgeregten gesellschaftlichen Debatte manchmal untergeht: Kultur. "Mein Rat an Neuankömmlinge ist, in die niederländische Kultur einzutauchen. Dann öffnen sich viele Türen und Möglichkeiten für Dich."
Glück im Unglück für Arian, er kann in dem vor wenigen Monaten in der Arnheimer Innenstadt eröffneten Restaurant "A Beautiful Mess" mithelfen. "Ein schönes Durcheinander" ist wohl die treffendste Übersetzung - und sie trifft wirklich zu. Menschen unterschiedlichster Nationalität arbeiten hier friedlich Hand in Hand.
Die Gründerin und Geschäftsführerin von "A Beautiful Mess", Fleur Bakker, ist eine der erfolgreichsten Sozialunternehmerinnen der Niederlande. Chefkoch Ayman kommt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus, seine Lehrlinge stammen aus dem Jemen, Irak und Eritrea, an der Bar bedient eine Frau aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
"A Beautiful Mess" ist zunächst einmal ein Restaurant, in dem man gepflegt und lecker essen gehen kann. Es schmeckt, die Tische sind voll besetzt, mit Arnheimern aus der Stadt, mit Familienausflüglern aus den Dörfern im Umland, mit alteingesessenen Niederländern und Neuankömmlingen, mit Menschen aller Hautfarben. An einer langen Tafel sitzt sogar der Arnheimer Bürgermeister mit Verwaltungsmitarbeitern und Besuchern aus Den Haag. Ein gastronomischer und kultureller, lokaler und globaler "melting pot", in dem man sich inmitten fröhlicher Farben und freundlicher Menschen rundum willkommen fühlt.
"A Beautiful Mess" ist aber zugleich auch ein Integrationskonzept, das Menschen mit oder ohne niederländischen Sprachkenntnissen, Menschen mit oder ohne Berufsausbildung, Menschen mit oder ohne Gastronomie-Erfahrung eine erste Chance bietet, Fuss zu fassen auf dem Arbeitsmarkt.
"Wir lernen hier, wie man Menschen anspricht, wie man miteinander umgeht", bewertet Arian das Konzept von "A Beautiful Mess". Als Aushilfe und Kellner gibt sich Arian sichtlich Mühe. Jedes einzelne Gericht, jeden Teller, jedes Nachtischschüsselchen serviert er mit einem freundlichen Lächeln, wünscht auf Niederländisch Guten Appetit.
Arian: "Ich finde es gut, dass wir den Menschen zeigen können, dass wir (Flüchtlinge) kein Problem sind." Und auch wenn sprachbedingt gelegentlich kleinere Missverständnisse entstünden, so laufe es im Großen und Ganzen doch sehr gut, "denn wir kommen in direkten Kontakt zu den Niederländern".
Sein Fazit: "Wir haben viel verloren im Leben. Wir haben unser Sicherheitsgefühl verloren, unser Selbstwertgefühl, teilweise auch die Kontrolle über unser Leben. Das alles gewinnen wir hier nun schrittweise wieder zurück. Wir fühlen uns hier sicher, denn wir sind umgeben von Menschen, die uns unterstützen."
Und wie sieht Arian seine Zukunft? "Mein Traum wäre wieder der Besuch einer Universität, Medizin würde ich gerne weiter studieren. Oder ich könnte einen Ort wie diesen hier aufbauen, ähnlich wie A Beautiful Mess, ein Ort, an dem die Kultur der Niederlande die Kulturen anderer Länder trifft, ein Ort, an dem das Negative hintan stünde und man sich gegenseitig die positiven Seiten seiner Kultur zeigt. Das wichtigste für uns ist Menschlichkeit."
Und der Iran? Seine alten Freunde und Bekannten? Seine Familie dort in der Heimat? "Ich glaube, eines Tages wird mein Land frei sein", lächelt Arian, "und wir werden wieder vereint sein." Ob eine Rückkehr in den Iran eines Tages möglich sein wird? Die Geschichte wird es zeigen.