Social Media erst ab 16? Kanzler Merz zeigt Sympathie für strengere Regeln, vor dem CDU-Parteitag wird über eine Altersgrenze gestritten. Die SPD setzt auf einen eigenen Ansatz. Und anderswo wird längst ausprobiert, wie Alterschecks und Einschränkungen in der Praxis funktionieren können.
Tippen, wischen, teilen – und plötzlich ist eine Stunde weg. Die Generation Alpha wächst mit dem Smartphone als Dauerbegleiter auf: überall dabei, jederzeit erreichbar, immer vernetzt. Der "Handydaumen", eine schmerzhafte Sehnenüberlastung durch ständiges Tippen und Scrollen, wird zum Symbol für einen Alltag, der sich immer öfter im Feed abspielt.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezieht im Politik-Podcast Machtwechsel nun klare Position. Er äußert "viel Sympathie" für Vorschläge, den Zugang zu Plattformen wie TikTok, Instagram oder Facebook für Minderjährige deutlich einzuschränken oder zu untersagen. Gleichzeitig betont er, grundsätzlich skeptisch gegenüber Verboten zu sein. Für ihn habe jedoch der Schutz von Kindern Vorrang.
Merz verweist auf sehr hohe tägliche Bildschirmzeiten bei Jugendlichen. Er warnt vor "Persönlichkeitsdefiziten" und Problemen im Sozialverhalten, wenn Sozialisation fast nur noch über soziale Medien laufe.
CDU-Antrag zum Parteitag als Stimmungstest
In der CDU läuft parallel eine parteiinterne Debatte. Für den Bundesparteitag in Stuttgart liegt ein Antrag aus Schleswig-Holstein vor. Er fordert ein "gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für offene Plattformen" und eine verpflichtende Altersverifikation. Unterstützt wird der Vorstoß unter anderem von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, der bereits im Dezember vergangenen Jahres für ein schnelles Vorgehen nach australischem Vorbild geworben hatte.
SPD will abgestufte Regeln und eine "Jugendversion"
Auch der Koalitionspartner SPD drängt auf strengere Vorgaben. Ein Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion plädiert für eine Staffelung nach Alter. Demnach soll Social Media für Kinder unter 14 Jahren "vollständig" untersagt werden.
Für Jugendliche unter 16 Jahren schlägt die SPD eine verpflichtende "Jugendversion" der Plattformen vor. Sie soll unter anderem ohne algorithmisch personalisierte Feeds auskommen. Auch suchtverstärkende Funktionen wie Endlos-Scrollen oder Autoplay sollen dort nicht verfügbar sein.
Suchtbeauftragter der Bundesregierung gegen Totalverbot
Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung, warnt vor dem Glauben an die schnelle Lösung durch ein pauschales Verbot. Dem Magazin Focus sagte der CDU-Politiker: "Wir brauchen ein evidenzbasiertes Gesamtpaket: mehr Medienkompetenz, verbindliche Altersregeln, klare Verantwortung der Plattformen und Schutzmechanismen gegen suchtfördernde Designs." Ein Totalverbot allein werde das Problem "nicht lösen", so Streeck.
Digitale Teilhabe sei wichtig, dürfe aber nicht zulasten der psychischen Gesundheit gehen. Streeck verweist auf Studien, nach denen bereits viele Kinder ein riskantes oder problematisches Nutzungsverhalten entwickeln. Mitverantwortlich seien auch Plattformmechaniken. "Endlose Feeds, Autoplay-Funktionen und sogenannte Dark Patterns" wirkten als Verstärker, gerade bei jungen Menschen, deren Selbstregulation noch in der Entwicklung sei, sagte er.
Drei Stunden täglich online
Wie groß das Problem sein kann, zeigt der Blick in die Forschung. Eine DAK-Suchtstudie warnte im März vergangenen Jahres: Rund ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen gilt demnach als medienabhängig. Millionen Jugendliche leiden laut Studie unter Schlafstörungen, Depressionen oder sozialer Isolation.
Auch Nutzungsdaten zeichnen ein ähnliches Bild. Nach Statista greifen 95 Prozent der 12- bis 19-Jährigen täglich zum Smartphone, 89 Prozent sind regelmäßig im Internet. WhatsApp (96 Prozent), Instagram (63 Prozent) und Snapchat (56 Prozent) prägen den Kommunikationsalltag. Laut JIM-Studie verbringen Jugendliche im Schnitt mehr als drei Stunden pro Tag online. Klassische Medien wie Bücher oder Zeitungen spielen im Vergleich nur noch eine Nebenrolle.
EU-Recht als Bremsklotz?
Nationale Verbote wie das der CDU könnten allerdings an EU-Grenzen stoßen: Der Digital Services Act (DSA) regelt den Jugendschutz bereits europaweit und lässt wenig Spielraum für nationale Alleingänge.
Zusätzlich verbietet die Datenschutz-Grundverordnung Altersverifikation für unter 16-Jährige ohne elterliche Einwilligung, da personenbezogene Daten nicht ohne Zustimmung verarbeitet werden dürfen.
Plattformen müssen bereits jetzt sichere Standardeinstellungen, Altersrisikoanalysen und Werbeverbote für Kinder umsetzen – Verstöße kosten bis zu sechs Prozent des globalen Umsatzes. Die EU-Kommission prüft derzeit unter anderem TikTok auf Einhaltung dieser Vorgaben.
Europa im Vergleich
Der Blick auf andere Länder zeigt, dass die Debatte längst nicht nur in Deutschland geführt wird. Mehrere Staaten testen bereits konkrete Modelle, wie sich Altersgrenzen und Alterschecks in der Praxis durchsetzen lassen.
Spanien testet ein Pioniertool zur Altersverifikation per Gesichtserkennung: Nutzer filmen sich mit DNI-Ausweis oder Pass, eine KI prüft Alter und Identität – als Voraussetzung für ein geplantes Social-Media-Verbot ab 16 Jahren. Das Pilotprojekt des Jugendministeriums mit der Datenschutzbehörde AEPD ist technisch einsatzbereit und soll bald starten, wie Regierungschef Pedro Sánchez ankündigte; Experten wie Fernando Suárez loben die Biometrie, warnen aber vor Umgehungen via VPNs.
Der Verbotskurs nimmt Fahrt auf
Frankreich plant ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 15 – zum nächsten Schuljahr im September 2026. Präsident Emmanuel Macron forderte in einer Videobotschaft beim Fernsehsender BFMTV eine Beschleunigung des Gesetzentwurfs der Abgeordneten Laure Miller: "Die Gehirne unserer Kinder stehen nicht zum Verkauf – weder für US-Plattformen noch chinesische Algorithmen." Plattformen sollen Altersverifikation wie bei Pornoseiten einführen, Ausnahmen gelten für Bildungsseiten wie Wikipedia; der Entwurf steht im Einklang mit EU-DSA-Richtlinien und ergänzt ein Handyverbot an Schulen.
Großbritannien und Niederlande prüfen ähnliche Verbote unter 16-Jährigen, das EU-Parlament fordert ein Mindestalter im geplanten "Digital-Omnibus" – mit Fokus auf DSA-Umsetzung und Jugendschutz.
Zwischen Schutz und Selbstbestimmung
Laut ifo-Bildungsbarometer 2025 fordern in Deutschland 85 Prozent der Erwachsenen und 47 Prozent der 14- bis 17-Jährigen ein Mindestalter von 16 Jahren für Social Media. Auffällig dabei ist: Selbst Jugendliche wollen strengere Regeln. Gleichwohl bevorzugen 68 Prozent der Jugendlichen Social Media gegenüber einem Verbot.
Pädagogen plädieren für digitale Kompetenz statt Abschottung. Ob die Balance zwischen Schutz und Selbstbestimmung eher über Bildung oder über Plattformregeln gelingt, soll die von Familienministerin Karin Prien eingesetzte Kommission klären. Die schwarz-rote Bundesregierung will nach Angaben eines Regierungssprechers zunächst die Ergebnisse abwarten und erst nach dem Sommer final über ein mögliches Verbot entscheiden.