Wie bekämpt Europa Obdachlosigkeit?

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Wie bekämpt Europa Obdachlosigkeit?
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Von Paul Hackett
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In dieser Folge von Real Economy geht es darum, ob man Obdachlosigkeit radikaler bekämpfen sollte. Sollte man die Menschen nicht einfach von der Straße holen und ihnen eine Wohnung geben, anstatt Wohnraum zur Belohnung zu machen?

Schätzungen zufolge schlafen in der EU jede Nacht rund 900.000 Menschen auf der Straße. Diese Zahl ist vergleichbar mit der Einwohnerzahl einer Stadt wie Marseille oder Turin. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Man geht davon aus, dass es wesentlich mehr versteckte Obdachlose gibt, die in Notunterkünften leben.

"Wenn man keine Arbeit hat und allein ist, dann bekommt man Depressionen. Man wird antriebslos und bleibt in seiner Welt gefangen."
Carlos Martínez Carrasco
ehemaliger Obdachloser
"Wir sind alle Menschen. Wir verdienen ein Dach über dem Kopf.”
Rita De Cassia Andrade
ehemalige Obachlose

Aussagen von einst obdachlosen Menschen. Sie wissen, wie Hunderttausende andere, was es heißt, auf Europas Straßen zu leben - ein Problem, das sich angesichts der anhaltenden Krise der Lebenshaltungskosten nicht zu entschärfen scheint.

In dieser Real-Economy-Folge geht es darum, ob man Obdachlosigkeit radikaler bekämpfen sollte. Sollte man die Menschen nicht einfach von der Straße holen und ihnen eine Wohnung geben, anstatt eine Wohnung zur Belohnung zu machen? 

Schätzungen zufolge schlafen in der EU jede Nacht rund 900.000 Menschen auf der Straße. Diese Zahl ist vergleichbar mit der Einwohnerzahl einer Stadt wie Marseille oder Turin. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Man geht davon aus, dass es wesentlich mehr versteckte Obdachlose gibt, die in Notunterkünften leben.

Angst vor Obdachlosigkeit

Immer mehr Menschen in Europa haben Angst, ihre Wohnung zu verlieren.

Es gibt Hinweise darauf, dass sich die Obdachlosigkeit in der gesamten EU seit 2009 mehr als verdoppelt hat.

Die sichtbarste Form der Obdachlosigkeit ist das Schlafen im Freien, aber das Profil der Obdachlosen in Europa verändert sich.

Neben Menschen, die von wirtschaftlicher Not oder physischen und psychischen Problemen betroffen sind, gehören auch Frauen, die vor häuslicher Gewalt fliehen, und junge Menschen, die keine Wohnung finden - sogenannte Couch-Surfer - zu den Betroffenen.

Der Mangel an erschwinglichem und attraktivem Wohnraum spielt dabei eine große Rolle.

2022 gab fast jeder Zehnte in der EU mehr als 40 Prozent seines Einkommens für Wohnen aus.

Obwohl es in der Europäischen Säule sozialer Rechte als grundlegendes Menschenrecht verankert ist, haben viele Menschen Schwierigkeiten, ein Dach über dem Kopf zu finden.

In Spanien gilt: Wohnen wird als Recht und nicht als Belohnung betrachtet

Nach nationalen Angaben ist die Obdachlosigkeit in Spanien in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent gestiegen.

Diese Zahlen haben zu einem Umdenken geführt, wie man diese extreme Form der sozialen Ausgrenzung bekämpft kann. Die Lösung ist verblüffend einfach: Jeder, der auf der Straße lebt, soll ein Zuhause bekommen.

Nach dem Scheitern seiner Ehe lebte Carlos mehrere Jahre auf der Straße. Heute hat er dank der Initiative "Housing First" eine eigene Wohnung am Stadtrand von Madrid.

"Die Wohnung hat mein Leben in jeder Hinsicht verändert. Ich bin zur Ruhe gekommen. Der Mangel an allem, wenn man auf der Straße lebt, ist vorbei", erzählt Carlos Martínez Carrasco. "Ich kann kochen und muss nicht überlegen, wo ich meine Wäsche wasche, ich habe eine Waschmaschine und lebe mit der Gewissheit eines Daches über dem Kopf. Ich bin sehr glücklich."

Carlos Martínez Carrasco ist glücklich in seiner Wohnung
Carlos Martínez Carrasco ist glücklich in seiner Wohnungeuronews

Im Gegensatz zu traditionellen Ansätzen müssen bei "Housing First" nicht erst bestimmte Kriterien wie Abstinenz oder Drogenentzug erfüllt werden, bevor eine Wohnhilfe gewährt wird. Der Grundgedanke ist, dass man sein Leben eher wieder in den Griff bekommt, wenn man eine Wohnung habt. Wohnen wird als Recht und nicht als Belohnung betrachtet. Carlos Martínez Carrasco findet:

"Dieses System ist viel besser. Im Wohnheim muss man gewisse Regeln einhalten. In meiner Wohnung kann ich mehr oder weniger machen, was ich will. Ich fühle mich hier sehr wohl und führe ein mehr oder weniger normales Leben."

Wie Carlos lebte auch Rita De Cassia Andrade viele Jahre auf der Straße und in Notunterkünften. Vor viereinhalb Jahren bekam dank "Housing First" eine Wohnung vermittelt. Sie sagt: "Jetzt kann ich machen, was ich will. Wenn ich auf die Straße gehe, respektieren mich die Leute. Heute bin ich wie ein Schmetterling."

Rita De Cassia Andrade fühlt sich frei wie ein Schmetterlin
Rita De Cassia Andrade fühlt sich frei wie ein Schmetterlineuronews

Ausweitung von "Housing First" auf ganz Europa

Die Miete von Rita und Carlos wird von der Kommune bezahlt. Trotz dieser Kosten für die öffentliche Hand argumentieren diejenigen, die sich für eine Ausweitung von "Housing First" in ganz Europa einsetzen, dass das Modell langfristig kosteneffizienter ist als ein auf Unterbringung basierendes System. 

"Housing First ist ein Modell, das sich bereits in vielen Pilotprojekten in ganz Europa bewährt hat, aber noch lange nicht ausgereift ist", findet Arturo Coego vom Housing First Europe Hub. "Housing First hat das Potenzial, einen Paradigmenwechsel von der Verwaltung der Wohnungslosigkeit hin zu ihrer tatsächlichen Beendigung herbeizuführen."

Zwei gemeinnützige Organisationen betreiben gemeinsam mehrere Housing-First-Initiativen in Spanien, darunter auch die in Madrid. Das Projekt, das bis heute eine Belegungs- und Verbleibsquote von 100 % aufweist, wurde von der Stadt Madrid durch die Generaldirektion für soziale Dienste und Integration der Abteilung Familie, Jugend und Soziales und über den Europäischen Sozialfonds finanziert.

"Die EU-Mittel werden vor allem dazu verwendet, innovative Initiativen und Lösungen für Obdachlose zu entwickeln und den Bestand an Sozialwohnungen und bezahlbarem Wohnraum zu erhöhen", erklärt Provivienda-Geschäftsführerin Gema Gallardo. "Das sind zwei wesentliche Lösungsansätze, um die Obdachlosigkeit in Spanien zu reduzieren."

Provivienda-Geschäftsführerin Gema Gallardo
Provivienda-Geschäftsführerin Gema Gallardoeuronews

Europaweite Bekämpfung der Obdachlosigkeit

Alle EU-Länder haben sich verpflichtet, mindestens 25 % ihrer ESF+-Mittel für die soziale Eingliederung und mindestens 3 % für die Bekämpfung materieller Not aufzuwenden.

Auch die Europäische Plattform zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit steht für einen Wandel.

Doch was kann die EU angesichts eines Wohnungsmarktes mit nicht genügend bezahlbaren Wohnungen, einer Krise der Lebenshaltungskosten und zunehmender Migrationsströme wirklich tun, um dem aktuellen Trend entgegenzuwirken?

Darauf antwortet der Ko-Vorsitzende der Plattform, der ehemalige belgische Ministerpräsident Yves Leterme.

Yves Leterme, Vorsitzender des Lenkungsausschusses der Europäischen Plattform zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit:"Die Problematik muss auf lokaler, kommunaler Ebene angegangen werden. Wenn Europa auch eine soziale Ausrichtung haben will, müssen wir Themen wie diese mit einbeziehen. Es geht um eine Verständigung, wie wir die Entwicklungen beobachten, um das Problem in einer guten Art und Weise anzugehen. Wir wollen einen Austausch, eine Plattform für den Austausch, für gute Praktiken und gegenseitiges Lernen auf europäischer Ebene. Und nicht zuletzt sind wir der Meinung, dass in einer Zeit, in der Europa Hunderte Milliarden Euro auf den Tisch legt, um die Wirtschaft anzukurbeln, ein kleiner Teil dieses Geldes auch dafür verwendet werden sollte, diese extreme Ausgrenzung zu bekämpfen und unsere Gesellschaften integrativer zu machen".

Euronews: "Kann Europa auf einer breiteren Ebene Veränderungen bewirken?"

Yves Leterme: "Ich denke, ja, und zwar indem wir die Mitgliedstaaten zusammenbringen und uns auf die Art der politischen Instrumente einigen, die wir auf der Grundlage unserer Erfahrungen einsetzen müssen; denn einige Mitgliedstaaten haben das Problem sehr erfolgreich angegangen, während andere hinterherhinken. Wir müssen also die Mitgliedsstaaten zusammenbringen, um die besten Praktiken und Erfahrungen zu sammeln, um dieses Problem anzugehen."

Yves Leterme, Vorsitzender des Lenkungsausschusses der Europäischen Plattform zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit
Yves Leterme, Vorsitzender des Lenkungsausschusses der Europäischen Plattform zur Bekämpfung der Obdachlosigkeiteuronews

Euronews: "Und schließlich: Haben Sie den Eindruck, dass der politische Wille vorhanden ist, dieses Problem anzugehen?"

Yves Leterme: "Ich denke, dass es in diesem Bereich tatsächlich eine gewisse Dynamik gibt, die auch durch die Europäische Kommission ausgelöst wurde. Auf lokaler, kommunaler, regionaler und nationaler Ebene wird vieles auf sehr unterschiedliche Weise gemacht. Wir sollten jetzt unsere Kräfte bündeln und dafür sorgen, dass das wirklich der Vergangenheit angehört. Wir sind noch weit von diesem Idealzustand entfernt, aber wir machen Fortschritte und ich bin sicher, dass wir mittelfristig etwas bewegen können."

Es wird nicht einfach sein, unter den derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen Fortschritte zu erzielen, aber es hat sich gezeigt, dass das mit den richtigen Maßnahmen möglich ist.

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