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"L'amour toujours": Wie ein Liebeslied in Deutschland zum rechten Hassgesang wird

Symbolbild: Besucher sitzen in Strandkörben an der Strandpromenade auf Sylt.
Symbolbild: Besucher sitzen in Strandkörben an der Strandpromenade auf Sylt. Copyright Bodo Marks/dpa via AP
Copyright Bodo Marks/dpa via AP
Von Frank Weinert
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Ein Lied über die Liebe wird zusehends zur Blaupause für rechtsextreme Parolen in Deutschland. Empörung, Verbote, juristische Konsequenzen - was läuft hier schief?

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Mit der Liebe ist das so eine Sache, mit der täglichen und immerwährenden erst Recht. Da trällert der italienische DJ Gigi d'Agostino so schön von „l’amour toujours“. Und nun steht das Lied auf der roten Liste – oder besser auf dem braunen Index.

Auf dem Münchner Oktoberfest ist das musikalische Maß voll – die Veranstalter wollen den Song verbannen, um rassistisches Gegröle bierseliger Besucher zu verhindern. Das Lied habe eine „rechtsradikale Konnotation“ bekommen. Oktoberfest-Chef Clemens Baumgärtner (CSU) nimmt da kein Blatt vor den Maßkrug: Auf der ‚Wiesn’ ist für den ganzen rechten Scheißdreck kein Platz.“

Das Oktoberfest sei eine „leichtfüßige und schöne“ Veranstaltung mit vielen ausländischen Gästen. Rechte Parolen seien schon in der Vergangenheit verhindert worden und sollen auch in Zukunft nicht vorkommen, so Baumgärtner. „Die Wiesn ist unpolitisch.“ 

Naziparolen zu Discomusik

Auslöser des ganzen Skandals war ein Skandal vergangene Woche auf der Nordseeinsel Sylt. Hier sangen Gäste der „Pony-Bar“ in Kampen „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“ zum scheinbar harmlosen Discohit. Ein junger Mann ahmte dabei offenbar den Hitlergruß nach. Jemand filmte die Szene und das Ganze ging im Netz sogleich viral. Nun ermittelt der Staatsschutz.

Und weil einmal bekanntlich kein Mal ist, legten promilleaffine Partygäste auf Sylt gleich noch zwei Mal nach. Gleiches Gegröle, dazu wurde eine junge schwarze Frau zuerst rassistisch beleidigt und dann ins Gesicht geschlagen.

Auch von anderen Veranstaltungen quer durch die deutsche Republik, die just dieser Tage 75 Jahre Grundgesetz feiert werden traurige Darbietungen von „l’amour toujours“ gemeldet. Der Staatsschutz hat alle Hände voll zu tun.

Kündigungen und juristische Konsequenzen

Von der Deutschen Bank bis Vodafone reichen die Erklärungen, in denen die Unternehmen gegen Rassismus Stellung beziehen. Sie kündigen Konsequenzen für ihre mutmaßlich beteiligten Beschäftigten an. Zwei Arbeitgeber sagten bereits, dass sie ihren Mitarbeitenden gekündigt hätten.

Auch die Justiz kündigt Konsequenzen an: Thorkild Petersen-Thrö von der Staatsanwaltschaft Flensburg erklärte: „Aus unserer Sicht sind die Parolen 'Deutschland den Deutschen' und 'Ausländer raus' strafbewehrt, allein schon mit Blick auf das jüngste Urteil gegen Björn Höcke.“ Im Falle von Volksverhetzung droht eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Monaten und maximal fünf Jahren.

„Es geht nur um die Liebe“

„In meinem Lied geht es um ein wunderbares, großes und intensives Gefühl, das die Menschen verbindet. Es ist die Liebe.“ So beschreibt D'Agostino die Intention seines Party-Hits aus dem Jahr 2001. Für ihn gehe es dabei um die Liebe zu seiner Frau, seiner Familie, der Musik und das Tanzen. Auf die konkreten rassistischen Vorfälle gehe D'Agostino in seiner Stellungnahme nicht ein, schreibt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Eine klare Verurteilung der Verfremdung seines Lieds vermeide der Künstler damit. Von den Vorfällen will er nichts mitbekommen haben.

Innenministerin: Parolen „zutiefst menschenverachtend“

In der ARD-Talkshow „Caren Miosga“ bezog auch die deutsche Bundesinnenministerin Nancy Faeser Position: Die dort gegrölten Parolen seien „zutiefst menschenverachtend und rassistisch“. Man müsse aufpassen, dass sich die Werte in unserer Demokratie nicht verschieben. Richtig überrascht worden sei sie von den Ausfällen allerdings nicht. Es gebe schon seit Jahren Studien darüber, dass „rechtes Gedankengut“ tief in der Mitte der Gesellschaft verankert sei.

Wenn Worte zu Taten werden

„Der Schoß ist fruchtbar noch“, mahnte einst Bertolt Brecht. Vor allem, wenn Worte zu Taten werden. Das Grölen von Nazi-Parolen mag da fast „harmlos“ erscheinen – ist es aber nicht. 2019 ermordete ein Rechtsextremer den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Wo fängt Rechtsextremismus an? Wo hört er auf? Der Marburger Oberbürgermeister Thomas Spieß (SPD) bringt es auf den Punkt: „Rechtsextremismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.“

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