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Russisches Öl und Gas - der steinige Weg zum Verzicht

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Von Jorge Liboreiro  & & ras
2021 importierte die EU über 155 Milliarden Kubikmeter russisches Gas
2021 importierte die EU über 155 Milliarden Kubikmeter russisches Gas   -   Copyright  Dmitry Lovetsky/Copyright 2019 The Associated Press. All rights reserved.

Vor wenigen Monaten noch undenkbar hat es die Europäische Union gewagt, trotz massiver Abhängigkeit ein wirklich heisses Eisen anzufassen: das Embargo fossiler Brennstoffe aus Russland.

Zu diesem radikalen Schritt kam es erst, nachdem die Staats- und Regierungschefs mit brutalen Bildern von wahllosen Morden in Butscha, einem Vorort von Kiew, konfrontiert wurden. Das Massaker löste einen internationalen Aufschrei aus und brachte die bisher schwersten Anschuldigungen wegen Kriegsverbrechen gegen Moskau hervor, dass allerdings jede Beteiligung energisch bestritt und als „Fake“ abtat.

Nach Butscha beschlossen die Mitgliedstaaten eine selbstgesetzte Frist von 120 Tagen, um die Einfuhr russischer Kohle vollständig einzustellen. Dieser bahnbrechende Schritt sollte frühere Sanktionsrunden ergänzen und dazu beitragen, die Kriegsmaschinerie des Kremls zu lähmen: Der Verkauf fossiler Brennstoffe ist Russlands Haupteinnahmequelle und trägt zu über 40 % des Staatshaushalts bei.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass: Das Kohleembargo ist der kleinste Schritt

Stieß die Ankündigung aus Brüssel zunächst auf Lob, wurde schnell klar, dass sie die Diskussion um die beiden profitabelsten Einnahmequellen Russlands und zugleich für Europa viel wichtigeren Brennstoffe Öl und Gas umschifft.

Im vergangenen Jahr kaufte die EU russische Kohle im Wert von 5,16 Milliarden Euro, eine zu vernachlässigende Summe im Vergleich zu den 71 Milliarden Euro für Erdöl und den 16,3 Milliarden Euro, die für Gas ausgegeben wurden.

Die Energiekrise, die seit dem Spätsommer herrscht, hat die an sich schon immensen Zahlungen an Moskau weiter in die Höhe getrieben. Nach Angaben von Bruegel, einer in Brüssel ansässigen Denkfabrik für Wirtschaftsfragen, zahlt die EU an Russland zurzeit 450 Millionen Euro für Öl und 400 Millionen Euro für Gas - und das täglich.

Josep Borrell, oberster EU-Außenpolitiker, prangerte die schwindelerregenden Ausgaben vor dem Europäischen Parlament an. Er erklärte den Abgeordneten, dass die EU seit Beginn des Ukraine-Krieges 35 Milliarden Euro für russische fossile Brennstoffe ausgegeben habe, während nur eine Milliarde Euro an Hilfen für Kiew zusammenkamen.

In derselben Woche verabschiedete das Parlament mit überwältigender Mehrheit eine nicht bindende Resolution, in der ein "sofortiges vollständiges Embargo für russische Öl-, Kohle-, Kernbrennstoff- und Gasimporte" gefordert wird.

Seit Wochen führen Polen und die baltischen Staaten eine Kampagne für eine abrupte Drosselung der Energieimporte aus Russland an. Sie argumentieren, ein Stopp sei die einzige Möglichkeit, Präsident Wladimir Putin echten Schmerz spüren zu lassen und ihn zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand zu zwingen.

Obwohl das Embargo-Lager zuletzt neue Anhänger gewonnen hat, darunter Finnlands Sanna Marin und Frankreichs Emmanuel Macron, ist die Diskussion noch lange nicht beendet.

Wir unterstützen Russlands Krieg und finanzieren ihn sogar.
Sanna Marin
Finnische Ministerpräsidentin

Deutschland und Österreich, die in hohem Maße von russischen Brennstoffen abhängig sind, haben ihre Bedenken gegen ein vollständiges Embargo geäußert. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz warnte, ein sofortiger Stopp würde "ganz Europa in eine Rezession stürzen". Sein österreichischer Amtskollege Karl Nehammer sekundierte, Sanktionen seien dann wirksam, wenn sie "diejenigen, die Sanktionen gegen denjenigen verhängen, der Krieg führt, nicht schwächen".

Für das Kohleverbot hat Ungarn noch gestimmt, aber der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán nannte die Energiesicherheit Ungarns eine „rote Linie“: Er kündigte an, sein Veto einzulegen gegen jeden Versuch, ein Energieembargo zu verhängen.

Aus Moskau kommen nicht die geringsten Zeichen, die Invasion aufzugeben. Während immer neue Berichte die Brutalität des russischen Vorgehens aufdecken und Empörung hervorrufen, muss die EU erkennen, dass die entscheidende Debatte nicht länger aufgeschoben werden kann. Die außergewöhnliche politische Einigkeit der 27 Mitgliedstaaten gegen Putins Aggression steht nun vor ihrer größten Bewährungsprobe.

Das Ölembargo und der Weltmarkt

Russland ist mit rund 10,1 Millionen Barrel Rohöl pro Tag nach den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien der drittgrößte Erdölproduzent der Welt. Europa ist mit täglich 2,4 Millionen Barrel Rohöl und 1,4 Millionen Barrel anderer Raffinerieprodukte der bei weitem der wichtigste Abnehmer. Allein Deutschland und die Niederlande verbrauchen 1,1 Millionen Barrel pro Tag. Russland ist mit mehr als 25 % der Gesamteinfuhren im Wert von mehr als 70 Milliarden Euro der wichtigste Öllieferant der EU.

Durch die Druschba-Pipeline, die von dem staatlich kontrollierten russischen Riesen Transneft betrieben wird, fließen täglich über eine Million Barrel direkt zu den Raffinerien in Polen, Ungarn, der Slowakei, der Tschechischen Republik, Österreich und Deutschland, wo es zu Diesel, Naphtha, Benzin und Schmierstoffen verarbeitet wird.

Die Pipeline besteht seit den 1960er Jahren und hat zu einem hohen Maß an gegenseitiger Abhängigkeit auf beiden Seiten geführt, denn beide sind auf kontinuierliche Lieferungen angewiesen, um ihre Geschäfte am Laufen zu halten.

Doch Druschba, ironischerweise das russische Wort für "Freundschaft", ist nicht der einzige Weg für Öl nach Europa. Die meisten Ölimporte kommen über Häfen wie Rotterdam und La Havre, wo Tausende Barrel Rohöl und Tonnen von Raffinerieprodukten gelöscht werden.

LNG: Die schwierige - und teure - Alternative

Sollte die EU einen Importstopp für russisches Öl beschließen, wären diese Häfen der Schlüssel zur Umgehung der Pipelines. Über sie müssten Lieferungen auch nach Einführung des Embargos laufen.

"Es gibt einige Raffinerien, die an dieser Pipeline [Druschba] liegen und die am meisten von einem Stopp der russischen Ölströme betroffen sein dürften", sagte Ben McWilliams, Analyst bei Bruegel, gegenüber Euronews.

"Einige der anderen Raffinerien, die an den Häfen liegen, werden es dagegen leichter haben, russische Ölimporte zu ersetzen, weil statt eines Schiffes mit Rohöl aus Russland ein Schiff mit Rohöl aus dem Nahen Osten kommt. Mit einigen Einschränkungen kann man auf Lieferungen so ersetzen."

Die EU müsste ihre Marktmacht nutzen, um den enormen Verlust an russischem Öl auszugleichen und durch Lieferungen aus anderen ölproduzierenden Ländern wie Norwegen, Algerien, Nigeria, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sicherstellen.

Der Abschluss solcher Vereinbarungen könnte sich als schwierig erweisen. Die Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) hat gemeinsam mit Moskau seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie die Produktion mit der Begründung gedrosselt, die weltweite Nachfrage sei instabil.

Bisher haben die OPEC-Länder ihr Angebot nicht stärker erhöht als vor dem Krieg, was aus wirtschaftlicher Sicht recht merkwürdig ist, wenn man bedenkt, dass die Preise über 100 Dollar pro Barrel liegen.
Ben McWilliams
Analyst bei Bruegel

"Das ist wahrscheinlich größtenteils auf andere geopolitische Gründe zurückzuführen, auf die verschlechterten Beziehungen, insbesondere zu den USA, den Saudis und den Vereinigten Arabischen Emiraten seit dem Jemen-Krieg- Das bedeutet, dass sie den USA und ihren Verbündeten weniger wahrscheinlich helfen werden.“

Die OPEC hat bereits davor gewarnt, dass ein Embargo gegen russisches Öl einen gewaltigen Marktschock auslösen würde, vergleichbar mit der Energiekrise der 1970er Jahre, die im Westen eine lange, schmerzhafte Stagflation auslöste.

"Wir könnten möglicherweise den Verlust von mehr als sieben Millionen Barrel pro Tag an russischen Öl- und anderen Flüssigexporten erleben", sagte OPEC-Generalsekretär Mohammad Barkindo kürzlich bei einem Treffen in Wien gegenüber EU-Vertretern, wie aus einer Kopie seiner Rede hervorgeht, die Reuters vorliegt.

In Anbetracht der aktuellen Nachfrageaussichten wäre es nahezu unmöglich, einen Mengenverlust in dieser Größenordnung zu ersetzen.
Mohammad Barkind
OPEC-Generalsekretär

Diese komplizierte Situation hat zu Vorschlägen geführt, die zwar nicht zu einem vollständigen Embargo führen, aber die Kriegskasse des Kremls trotzdem belasten würden.

Alternativen zum sofortigen Embargo

Zu den jüngst zwischen den Mitgliedstaaten diskutierten Vorschlägen gehört die Möglichkeit, russische Ölimporte mit einem hohen Zöllen zu belegen, was die Nachfrage in der gesamten Union verringern und russische Unternehmen zwingen würde, zu niedrigeren Preisen zu verkaufen. Eine weitere Idee ist die Einrichtung eines Treuhandkontos, auf das die EU einen Teil ihrer Zahlungen überweisen würde.

Die politische Debatte steckt in einer Sackgasse, währenddessen nimmt der private Sektor die Dinge selbst in die Hand. Einige der führenden europäischen Ölgesellschaften wie Shell, BP oder TotalEnergies haben damit begonnen, sich vom russischen Öl zu verabschieden, da sie Rufschädigung und Vergeltungsmaßnahmen für die westlichen Sanktionen befürchten.

Die Grenzen der Diversifizierung

Ist ein Embargo russischen Öl und die ganze Bandbreite der wirtschaftlichen Konsequenzen schon furchterregend genug – ein Importverbot für russisches Gas hätte noch schwerwiegendere Konsequenzen.

Im vergangenen Jahr importierte die EU 155 Milliarden Kubikmeter russisches Gas und deckte damit etwa 40 % ihres Verbrauchs. Im Gegensatz zu Öl, das mit Frachtschiffen leicht von Hafen zu Hafen transportiert werden kann, wird der größte Teil des russischen Gases durch ein Netz von Pipelines in die EU transportiert. In Ländern wie Deutschland, Österreich, Finnland, Ungarn und Bulgarien hat Russland eine beherrschende Stellung als erster oder sogar einziger Gaslieferant. Deutschland hat direkten Zugang zu Nord Stream, einer Pipeline, die jährlich mehr als 55 Mrd. m3 liefert.

Diese starke Abhängigkeit hat die EU hat eine teurere Alternative attraktiv gemacht, das verflüssigte Erdgas LNG. Das braucht spezielle Terminals, in denen das verflüssigte Gas wieder umgewandelt wird. Die USA, Katar, Australien, Nigeria, Algerien, Malaysia, Indonesien und Russland sind allesamt wichtige Exporteure.

Als die Spannungen an der ukrainischen Grenze in den Wochen vor der Invasion zunahmen, begann die EU, ihre LNG-Käufe zu erhöhen und brach damit neue Volumenrekorde. Eine kürzlich geschlossene Partnerschaft zwischen der EU und den USA wird der EU zusätzliche 15 Mrd. Kubikmeter LNG aus den USA sichern. Das Abkommen baut auf einem von der Europäischen Kommission vorgestellten Fahrplan auf, der den Kauf von 50 Mrd. m3 bis Ende 2022 vorsieht.

Abhängigkeiten schrittweise verringern

Diese ehrgeizigen Pläne zielen darauf ab, die Abhängigkeit der EU von russischem Gas schrittweise zu verringern statt sie von heute auf morgen zu beenden. Denn auch die Verteilung von so viel LNG auf 27 Länder könnte sich als logistisch schwierig erweisen: Die LNG-Terminals der EU sind ungleichmäßig verteilt, die meisten befinden sich in Küstenländern wie Spanien und Italien, während die Binnenländer in Mittel- und Osteuropa vom System abgeschnitten sind.

"Seit Beginn des Krieges ist der europäische Gasmarkt sehr angespannt", so Zongqiang Luo, Analyst bei der Beratungsfirma Rystad Energy, gegenüber Euronews.

"Alle Wiederverdampfungsterminals in Europa sind fast voll ausgelastet. Vor allem in den letzten Monaten lag die Auslastung der Gasterminals bei 100 % oder fast 95 %."

Neben der limitierenden LNG-Infrastruktur in Europa die EU muss jetzt in dem stark nachgefragten LNG-Markt einkaufen. Die EU verbraucht mehr als 75 % des Weltmarktes des Pipelinegas, bei LNG liegt der Anteil nach Angaben der Kommission bei 16 %.

Luo ist der Ansicht, dass die EU diesen Nachteil durch einen "sehr hohen Premiumpreis" ausgleichen könnte, der die asiatischen Abnehmer davon überzeugen könnte, ihre Lieferungen an ihre europäischen Konkurrenten weiterzuverkaufen. Trotzdem wäre es für die EU immer noch „sehr schwierig" wäre, ihren Bedarf ohne russisches Pipeline-Gas zu decken.

"Sie sehen, dass die Europäische Union nach anderen Pipeline-Alternativen sucht, wie afrikanischem Gas aus Algerien, aus Aserbaidschan und natürlich aus Norwegen", so Luo.

Der norwegische Energieversorger Equinor und seine Partner haben sich verpflichtet, die Lieferungen an die EU-Länder zu erhöhen. Italien und Argelia haben eine Vereinbarung getroffen, zwischen 2023 und 2024 zusätzliche 9 Mrd. m3 zu liefern.

Verbraucher und Industrie müssen Energie sparen

Der plötzliche Diversifizierungsschub würde jedoch nur die Hälfte der 155 Mrd. m³ Gas ausmachen, die die EU aus Russland bezieht, warnte McWilliams. Die Regierungen müssten deshalb die Verbrauchernachfrage deutlich senken.

"Es ist möglich, etwas Gas zu sparen, indem man die Heizung weniger aufdreht und vernünftig mit der Energie umgeht. Man wird auch mit der Industrie sprechen müssen, und einige Industriezweige werden eine Zeit lang schließen müssen, um dies zu hinzubekommen". Außerdem könnten einige Länder ihren Atomausstieg überdenken.

Der Produktionsstopp, der in einigen Sektoren aufgrund steigender Stromrechnungen bereits eingetreten ist, würde einen dramatischen Wirtschaftsabschwung und möglicherweise eine Rezession - die dritte in der EU in den letzten zwei Jahren - auslösen.

Nach Schätzungen von Goldman Sachs könnte ein vollständiges Gasembargo das BIP der Eurozone in diesem Jahr um 2,2 Prozentpunkte einbrechen lassen - und damit das gesamte prognostizierte Wachstum von 2,5 % zunichte machen.