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"Bayraktar": Wie ein Lied über eine Drohne entstand, um Hoffnung zu geben

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Von Stefan Weichert
"Bewaffnet" mit seiner Gitarre ist Taras Borovok in der Ukraine geblieben und schreibt weiter Lieder.
"Bewaffnet" mit seiner Gitarre ist Taras Borovok in der Ukraine geblieben und schreibt weiter Lieder.   -   Copyright  Stefan Weichert

Fragt man außerhalb der Ukraine, welche Musiker aus dem Land vielversprechend sind, wird man wahrscheinlich Kalush Orchestra hören. Die Musikgruppe hat gerade erst Zuschauer:innen in ganz Europa mit ihrem Eurovisionssieg begeistert.

Aber innerhalb der Ukraine gibt es einen Künstler, der die aktuelle Lage der Ukraine noch etwas besser zusammenfasst: Taras Borovok .

Der 49-Jährige wurde mit einem Propagandasong berühmt, in dem er den Einfluss türkischer Drohnen auf das russische Vordringen lobt.

Das Lied mit dem Namen Bayraktar, dem gleichen Namen wie die Drohne, macht sich über Wladimir Putin, die russische Armee und sogar über die berühmte Kohlsuppe des Landes, Schtschi, lustig.

"Ich wusste einfach, dass ich meinem Land helfen muss"

Schon zum Jahreswechsel und fast acht Wochen vor der russischen Invasion war Borovok überzeugt, dass Moskau angreifen würde.

Unmittelbar nachdem die russischen Streitkräfte am 24. Februar die Grenze überschritten hatten, schloss er sich der ukrainischen Armee an.

Borovok war jedoch nicht direkt in den militärischen Konflikt verwickelt; stattdessen sollte er helfen, den Informationskrieg zu gewinnen.

Nur mit seiner Gitarre bewaffnet, setzte er sich in sein Kiewer Studio und schrieb einen Song, der zu einem der beliebtesten Lieder des Krieges wurde.

AP Photo
Die Eigenschaften der Bayraktar-DroneAP Photo

"Mein Freund beim Militär kam zu mir und fragte, ob ich ein Lied über Bayraktars schreiben könnte. Er sagte, dass sie auf dem Schlachtfeld gut funktionieren", so Borovok gegenüber Euronews.

"Ich habe wirklich nur 15 bis 20 Minuten gebraucht, um es zu schreiben. Es ging sehr schnell, und ich hatte keine Ahnung, dass es so schnell so populär werden würde."

Das Lied wurde schnell zum Hit und wurde auf YouTube hunderttausende Male angesehen und angehört.

Das ukrainische Fernsehen zeigt oft Bilder von russischen Militärfahrzeugen, die von Drohnen zerstört wurden. Da war Borovoks Musik die perfekte Begleitung.

"Ich habe mein ganzes Leben lang Lieder geschrieben. Solange ich denken kann", sagt Borovok, der auch Videos und Memes für das Militär macht. "Als die Invasion begann, wusste ich einfach, dass ich meinem Land helfen musste. Und das konnte ich am besten mit Musik."

Doch Bayraktar ist nicht das einzige Lied, das bei den Ukrainern beliebt ist und mit der russischen Invasion in Verbindung gebracht wird.

Obwohl der Eurovisionssiegertitel Stefania des Kalush Orchestra vor dem 24. Februar geschrieben wurde, wird der Text über die Mühen des Mutterseins weithin als Kampf der Ukraine zur Verteidigung gegen Russland interpretiert.

Andriy Khlyvnyuk, einer der größten ukrainischen Rockstars, brach eine US-Tournee mit seiner Gruppe BoomBox ab und kehrte zurück, um in den Territorialen Verteidigungskräften des Landes zu dienen. Er nahm eine Version des ukrainischen Volkslieds Oh, the Red Viburnum in the Meadow auf, das ursprünglich zu Ehren der Sich Riflemen, einer ukrainischen Einheit in der österreichisch-ungarischen Armee während des Ersten Weltkriegs, geschrieben wurde.

Khlyvnyuks Aufnahme, die auf Instagram gepostet wurde, ging schnell viral. Pink Floyd verwendeten sie als Gesangsspur für ihre neue Single Hey, Hey, Rise Up!

"Ich versuche, positive Energie zu verbreiten, um die Menschen aufzuheitern"

Borovok scheut sich nicht, den Song als Propaganda zu bezeichnen. Er gibt zu, dass es sein Ziel ist, die Menschen zu beeinflussen, die Moral hochzuhalten und den russischen Einfluss zu verringern.

Da die Ukraine bis 1991 Teil der Sowjetunion war, sprechen viele Ukrainer immer noch Russisch und sehen die Nachrichten in dieser Sprache.

Borovok sagt, dass das Fehlen eines einheitlichen ukrainischen Vorgehens gegen die russische Propaganda dazu führt, dass kleine Teile der Gesellschaft an die russische Darstellung des Krieges glauben.

"Wir hätten schon vor langer Zeit etwas unternehmen müssen, aber zumindest jetzt scheint der Krieg den Menschen klargemacht zu haben, dass Ukrainer ganz anderes sind als Russen", so Borovok.

"Wir sind ein unabhängiges Land, und wir sollten getrennt von Russland gesehen werden."

"Dies ist der letzte Kampf unseres Volkes, um sich gegen Russland zu wehren. Dafür haben wir so viele Jahre lang gekämpft, auch unter der Sowjetunion".

Als der Krieg begann, schickte Borovok seine Frau und seine Kinder nach Polen, damit er sich keine Sorgen um ihre Sicherheit machen musste.

Er sagte ihnen, er müsse in der Ukraine bleiben und alles tun, was er könne, um seinem Land zu helfen. Seitdem hat er sie nicht mehr gesehen.

"In den ersten Tagen des Krieges brachen alle Informationsplattformen zusammen", sagte Borovok, der dabei half, Facebook-Seiten einzurichten und dafür zu sorgen, dass die Informationen wieder verfügbar waren. "In den ersten Tagen habe ich auch viel Zeit damit verbracht, lustige Memes über die russischen Soldaten zu erstellen.

Borovok sagt, er wache oft nachts mit Ideen für Musik auf und schreibe sie auf, um sie nicht zu vergessen. Vom Aufstehen am Morgen bis zum Schlafengehen am Abend konzentriert er sich ganz auf die Arbeit.

"Ich versuche, den Menschen positive Energie zu geben, sie aufzumuntern und ihnen Glauben zu schenken", sagt Borovok, der Psychologie studiert hat.

Sein Studium nutzt er oft beim Schreiben von Songs, um herauszufinden, was am besten funktioniert. Er sagt, dass Musik eine einzigartige Kraft hat, Menschen zu erreichen, weil sie nicht verlangt, dass man aktiv etwas liest. Er versucht, seine Lieder so zu gestalten, dass sie für jeden Menschen leicht zu verstehen sind.

"Ich versuche, ein Gleichgewicht zu finden, damit sie lustig sind, aber auch nicht wie eine Komödie", so Borovok. "Damit es funktioniert, muss ich die Leute dazu bringen, nicht in Panik zu geraten, sondern daran zu glauben, dass wir gewinnen können."

Propagandamusik um, eine düstere Situation zu "entschärfen"

Laut der Wissenschaftlerin Dr. Kate Guthrie ist Musik oft ein wichtiges Instrument, um die Moral im Krieg aufrechtzuerhalten.

"Bei den Luftangriffen in Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs versammelten sich die Menschen oft in Gemeinschaftsräumen wie U-Bahnhöfen in London oder in Gemeinschaftsunterkünften und sangen", so Dr. Guthrie von der Universität Bristol gegenüber Euronews. "Soweit ich weiß, war das ein wichtiger Teil der Kultur, die sich dort entwickelte. Und oft verbrachten die Menschen lange Zeit, stundenlang, die ganze Nacht dort unten."

In einigen Liedern ging es um eine bessere Zukunft, während in anderen der Humor dazu diente, das Leben im Krieg leichter zu machen. Guthrie, die sich bei ihren Forschungen auf Propagandamusik aus der Kriegszeit konzentriert, verweist auf Beispiele von Liedern wie We're Gonna Hang Out The Washing On The Siegfried Line und Run Adolf Run.

"Ich denke, all diese Stücke nutzen die Komik, um eine im Grunde düstere Situation aufzulockern oder zu entschärfen. Es ist ein Weg der Gesellschaft, die dunkelsten Dinge des Lebens auf eine Weise zu erforschen, die weniger existenziell bedrohlich oder überwältigend ist", sagte sie.

"Ich glaube nicht, dass formale statistische Erhebungen durchgeführt wurden, aber aus den qualitativen Berichten können wir ersehen, dass die Menschen über ihre Erfahrungen mit Gruppensingen während des Krieges sprachen. Die Erinnerungen der Menschen daran legen nahe, dass es unglaublich kraftvoll war."