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'Radikalste Organisation': Neo-Nazis wollen 'ethnisch reine pannordische Nation'

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'Radikalste Organisation': Neo-Nazis wollen 'ethnisch reine pannordische Nation'

'Radikalste Organisation': Neo-Nazis wollen 'ethnisch reine pannordische Nation'
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Fredrik Sandberg/TT News Agency/via REUTERS
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An einem Sonntag im vergangenen Frühling fuhren drei Männer zu einem Wohnkomplex im dänischen Aalborg, um dort einen riesigen Haufen Müll abzuladen. Das Ziel war der Umwelt- und Energierat Lasse P. N. Olsen aus Aalborg, der im Gebäude wohnt. Ein hinterlassener Zettel forderte Politiker auf, mehr Müll zu entsorgen.

Doch um die Umwelt ging es bei dem Protest nicht. Die Männer riefen einwanderungskritische Phrasen und machten einen Hitlergruß, wie Olsen's Nachbarn später berichteten. Das Bekennerschreiben war von "Den Nordiske Modstandsbevægelse", der sogenannten Nordischen Widerstandsbewegung (NMR) unterschrieben.

Der Vorfall gilt als erste Tat der Neonazigruppe in Dänemark. Zuvor war sie nur in den nördlichen Nachbarländern vertreten.

Was steckt hinter dieser Gruppe?

Die Nordische Widerstandsbewegung ist eine ursprünglich in Schweden gegründete neonazistische Organisation, die offen antisemitisch, einwanderungsfeindlich und homosexuellenfeindlich ist. Ihr Ziel ist es, eine ethnisch reine pannordische Nation zu schaffen, so die Website der Gruppe. Die meisten nicht-ethnischen Bewohner Nordeuropas sollen abgeschoben und die "globale zionistische Elite" zerschlagen werden.

Die Gruppe ruft nicht ausdrücklich zur Gewalt aufruft, Mitglieder scheuen sich aber nicht vor Konfrontationen und trainieren Kampfsportarten und Messerangriffe. Forscher und Aktivisten sind besonders besorgt über das gewalttätigere Verhalten der Gruppe.

Konfrontation und Gewalt

Die Gruppe steht in direkter Verbindung mit einer Reihe von Vorfällen, bei denen Anbgehörige von Minderheiten und andere, mit deren Lebensstil die Ideologie nicht einverstanden ist, angegriffen wurden.

Im Jahr 2016 starb ein Mann, nachdem ihn ein SMR-Mitglied bei einem Protest in Finnland in die Brust getreten hatte, der Mann fiel um und verletzte sich lebensgefährlich am Kopf.

2016 und 2017 haben Neonazis der Gruppe in Göteborg Sprengstoff vor einem Café der linken Szene und vor Flüchtlingsunterkünften hochgehen lassen. Bei einer der Explosionen wurde ein Einwanderungsbeamter verletzt.

Die Gruppe hat ihre Kernmitgliedschaft in Schweden. Dort wurde sie vor 21 Jahren gegründet. Aber die Gruppe hat seit 2008 Ableger in Finnland und 2011 in Norwegen gegründet. Jetzt scheint es, dass sie auch in Dänemark wachsen wollen.

Ähnliche Müllberge, wie diejenigen, die vor Olsen's Gebäude entsorgt wurden, tauchten am selben Tag auch in der Einfahrt von Jakob Ellemann-Jensen, Dänemarks Minister für Umwelt und Ernährung, sowie in Verwaltungsgebäuden mehrerer anderer Gemeinden auf.

In einer E-Mail von einer Adresse auf der Website der dänischen Organisation sagte ein Mitglied, das sich als Jacob Andersen identifizierte, gegenüber Euronews, dass die Müllproteste die Leute wissen lassen sollten, dass die Gruppe "jetzt im Land etabliert ist". Sie wolle das Bewusstsein für 'Umweltfragen' verbessern, die von den Politikern des Landes ignoriert werden.

'Radikalste Organisation'

Andersen, der sagte, er sei der Gruppe beigetreten, weil er glaubte, sie sei die einzige Organisation, die "stark, organisiert und diszipliniert genug" schien, um Wirkung zu zeigen. Die Zahl der Mitglieder im Dänemark-Ableger wachse, eine genaue Zahl wollte er aber nicht nennen.

Forscher, die die Gruppe beobachten, sagen, dass die Zahl der SMR-Mitglieder und die Aktivität noch relativ gering ist. Sie sei aber in den vergangenen Jahren gewachsen.

"Wir haben in dieser Organisation seit mehr als drei Jahren ein stetiges Wachstum erlebt", sagte Jonathan Leman, ein Forscher der Expo, einer unparteiischen Rassismus-Stiftung mit Sitz in Stockholm.

Reuters/Fredrik Sandberg/TT News Agency
Die Nordische Widerstandsbewegung bei einem Protest in StockholmReuters/Fredrik Sandberg/TT News Agency

"Das ist besorgniserregend, weil es die radikalste Organisation ist. Sie fordern mehr Aktivismus von den Menschen, die der Gruppe beitreten. Sie sind viel gewalttätiger, wenn sie gegen politische Gegner, die Polizei und andere vorgehen."

Das wachsende Unverfrorenheit der Gruppe und die Tendenz zu gewalttätigen Konfrontationen wurde Anfang des Sommers auf der jährlichen öffentlichen politischen Konferenz in Almedalen, Schweden, deutlich.

Die Aufnahmen zeigen ein SMR-Mitglied, das eine Frau nach einer verbalen Konfrontation zu Boden drückt und dadurch eine Rede unterbricht. Die SMR-Bewegung verdoppelte ihre Teilnahme an der Konferenz vom letzten Jahr, wie das Portal The Local berichtete. Demnach hoffen sie, bei den bevorstehenden Wahlen Sitze in einigen schwedischen Gemeinden zu bekommen.

Die Gruppe wird in den nordischen Ländern immer sichtbarer: 300 Mitglieder der Gruppe marschierten Anfang dieses Monats in Turku, Finnland, und ein weiterer Marsch fand am Samstag in Stockholm statt.

Auch die Presse gerät in ihr Visier. Ein Mitglied der schwedischen SMR wurde in diesem Monat verhaftet, nachdem die Polizei sagte, sie habe Beweise dafür gefunden, dass er vorhatte, zwei Journalisten zu töten.

Jahrelang war die SMR eine von mehreren ähnlichen Gruppen in Schweden. Das Land war schon in der Vergangenheit bekannt als Brutstätte für nationalistische Bewegungen in Europa.

Doch 2014 löste sich die offen fremdenfeindliche Partei der Schweden (SvP) nach einem erheblichen Verlust bei den Kommunalwahlen auf. Das Ergebnis war ein Zusammenschluss der rechtsextremen Gruppen und eine Zunahme der Mitgliedschaft, Unterstützung und Aktivität der SMR. Im jüngsten Bericht der Expo entfielen 94 % der Aktivität in rassistischen Organisationen in Schweden im Jahr 2017 auf die SMR.

Es ist nicht genau bekannt ist, wie viele Mitglieder es heute in der NMR gibt. Aber die Gruppe scheint neues Interesse zu wecken: Expo identifizierte im Jahr 2017 111 neue Mitglieder, von denen 47 zuvor keine Verbindung zu Neonazigruppen hatten. Die SMR hat Mitglieder aus dem rechtsextremen Umfeld angezogen, da sich das politische Umfeld Schwedens vor den Parlamentswahlen im September in Richtung der einwanderungsfeindlichen Stimmung der schwedischen Demokraten zu neigen scheint.

"Die NMR ist unverfroren antisemitisch und wir sehen, wie sie sich in die Anti-Einwanderungsdebatte einklinkt", sagte Josh Lipowsky, Senior Research Analyst beim Counter Extremism Project in New York und London. "Wie andere Gruppen benutzt sie diese Gefühle, um eine Gegenreaktion gegen ein bestimmtes Ziel zu erzeugen. Sie schafft einen Sündenbock für die Probleme der Menschen, so dass sie in der Lage ist, diese Idee zu fördern und Anhänger zu gewinnen."

Soziale Medien haben es zusätzlich ermöglicht, die Botschaft der Gruppe weiter zu verbreiten und sie mit weißen nationalistischen Organisationen auf der ganzen Welt zu verbinden, fügte Lipowsky hinzu.

Die häufigste Aktivität der Gruppe im letzten Jahr war jedoch die Verbreitung von Propaganda, das Anbringen von Aufklebern und das Verteilen von Flyern mit dem von der Tyr-Rune inspirierten grünen und weißen Logo der Gruppe in der gesamten Region. Diese Aktionen werden oft von neuen Mitgliedern durchgeführt, die versuchen, weitere Akzeptanz und Macht innerhalb der hierarchischen Organisation zu erlangen, sagte Leman. Es lenke die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf die Gruppe. Die Aufkleber und Faltblätter könnten eine abschreckende Wirkung auf die Gemeinschaft haben.

"Es ist problematisch, weil es tatsächlich ein Gefühl der Verfolgung unter Menschen erzeugt, die aus Minderheitengruppen stammen. Dsa führt zu Spannungen", sagte er.

Widerstand gegen die Widerstandsbewegung

Das heißt nicht, dass die NMR in den nordischen Ländern ungebremst wächst. Ihre öffentlichen Kundgebungen werden routinemäßig von Gegenprotesten zahlenmäßig übertroffen. Die Unruhen in Almedalen in Schweden haben eine Debatte darüber ausgelöst, wie fremdenfeindliche Parteien im politischen System vertreten sind.

Im Mai kündigte das Land an, 15 Millionen Kronen (1,4 Millionen Euro) für Holocaust-Programme bereitzustellen.

REUTERS/Thomas Johansson/TT News Agency
Gegendemonstranten bei einem Aufmarsch der Nordischen WiderstandsbewegungREUTERS/Thomas Johansson/TT News Agency

In Finnland hat ein Gericht die Gruppe im vergangenen November verboten. Die Gruppierung legte aber Berufung ein.

Norwegische Forscher haben ein "Exit"-Programm entwickelt, um Extremisten zu helfen, rassistische Gruppen zu verlassen, das unter anderem in Norwegen und Schweden erfolgreich eingesetzt wird.

Dänen in verschiedenen Gemeinden nehmen Aufkleber ab und fordern Maßnahmen auf Gemeindeebene gegen die Verbreitung der neonazistischen Botschaft.

Dazu gehört auch Olsen, der Politiker, der Ziel des Müllprotestes in Aalborg wurde. Er ist kein Fremder in der Konfrontation mit Neonazis: Als Student in Aalborg in den 1990er Jahren protestierte er gegen die Einrichtung eines Sammelplatzes für Neonazis im nahen Nørresundby und wurde dabei von Extremisten verprügelt.

'Sie kann nicht ignoriert werden'

Aber die Tatsache, dass die Bewegung ihre Botschaft vor seine Haustür brachte, erschütterte Olsen. "Sie haben gezeigt, dass sie wissen, wo ich wohne, und sie scheuen sich nicht, vorbeizuschauen", sagte er zu Euronews.

Er beschloss über seine Erfahrungen auf Facebook zu berichten. Durch den Austausch seiner Erfahrungen will er auf die Gruppe, von der er nicht glaubt, dass sie "im Freien existieren" kann, aufmerksam machen.

"Ich denke, wir müssen uns zu den Drohungen der extremen Rechten äußern, auch wenn sie im Moment keine große Bedrohung ist", sagte er. "Ich möchte lieber meine Stimme benutzen und sagen, dass sie da ist, anstatt sie zu ignorieren. Und ich glaube nicht, dass sie ignoriert werden kann."