Eilmeldung

Eilmeldung

Lob, aber... Die Presse zu Angela Merkel am Tag danach - 5 Kommentare

Sie lesen gerade:

Lob, aber... Die Presse zu Angela Merkel am Tag danach - 5 Kommentare

Lob, aber... Die Presse zu Angela Merkel am Tag danach - 5 Kommentare
@ Copyright :
REUTERS/Hannibal Hanschke
Schriftgrösse Aa Aa

In den Kommentaren der Medien bekommt Angela Merkel viel Lob für ihren angekündigten Rückzug. Doch die meisten Journalisten unterstreichen, dass es wohl nicht beim von der Kanzlerin angekündigten Szenario bleiben wird - und dass sie wohl auch von der Kanzlerschaft früher wird Abschied nehmen müssen als 2021.

Die NZZ geht hart mit Merkel ins Gericht. Die Zeitung aus der Schweiz greift die Beschreibung der Kanzelin auf, die Nikolaus Blome in seiner Merkel-Biographie gefunden hatte: "Zauderin". Unter dem Titel "Die grosse Zauderin bleibt sich treu" schreibt das Blatt: " Als langgezogenen und schmerzhaften Niedergang könnte man den Prozess aber auch charakterisieren. Jahrelang war ihr das Etikett der mächtigsten Frau der Welt angeheftet worden. Ende 2016 hatte der amerikanische Präsident Barack Obama in Europa auf seiner Abschiedstournee noch versucht, sie als die letzte verbliebene Hüterin der freien westlichen Welt in die Pflicht zu nehmen. Doch tatsächlich befinden sich Merkels Macht und Autorität im Niedergang, seit sie sich im November 2016 nach langem Ringen entschlossen hatte, für eine weitere Kanzlerschaft zu kandidieren. Dass sie jetzt feste Daten für ihren definitiven Rückzug von der politischen Bühne veröffentlicht hat, ist deshalb nur folgerichtig. Dass es bloss ein Rückzug in Raten sein soll, allerdings nicht. Die Kanzlerin hat mit ihrem Entscheid, weiterhin am Kanzleramt festzuhalten, die Chance eines glanzvollen Abgangs endgültig verpasst."

"Ganz großes Finale" meint dagegen die taz: "Sie hat es geschafft. Angela Merkel steigt aus. Unerwartet hat sie es angekündigt, ein Coup am Montagmorgen. Und als sie es in Berlin verkündet, da sieht sie glücklich aus, sie lächelt gelöst. Ab und zu macht sie eine Pause, sie wirkt sogar aufgeregt, als wäre sie gerade erst Frauenministerin in Bonn geworden. Als ginge sie jetzt mit jedem Satz ein Jahr zurück zu dem Punkt, bevor sie ins Leben als Machtmensch einstieg.

Angela Merkel ist ab diesem Montag Geschichte. Im realpolitisch brutalen Sinne. Aber auch im Sinne eines historischen Ausstiegs aus eigener Kraft. Mit Haltung."

Jakob Augstein schreibt auf SPIEGEL ONLINE: "Endlich hat sie es verstanden. Es geht nicht mehr. Zehn Prozent in Bayern, elf in Hessen, solche Verluste zertrümmern auch das Selbstbewusstsein der Union. Nun erfahren die Konservativen, wie vor ihnen die SPD, zu welchem Mahlstrom der Vernichtung eine Große Koalition sich entfaltet. Die Große Koalition ist das Schwarze Loch der Politik. Alles wird zerrieben, übrig bleibt Nichts. Man kann nur beten, dass die in Berlin sich das merken werden."

Heribrt Prantl meint in der Süddeutschen Zeitung, dass Deutschland auf eine Jamaika-Koalition zusteuern sollte. Zum Merkel-Statement schreibt er: "So unverschwiemelt und so unverstellt hat man Angela Merkel selten gehört. Es war eine klare Rede; es war eine ehrliche Rede; es war eine so bemerkenswert kluge Rückzugsrede, dass man fast daran glauben könnte, dass Merkel nach ihrem Rückzug vom Parteivorsitz tatsächlich noch Kanzlerin bleiben will und wird bis zur nächsten Bundestagswahl.

Aber so ist es nicht, und so hat Merkel es auch nicht angekündigt: Sie hat nicht erklärt, dass sie um ihre Kanzlerschaft kämpft; sie hat nur erklärt, dass sie "bereit" ist, die Regierungsgeschäfte bis 2021 zu führen. Das war eine feinsinnige, wohlüberlegte und offenbar lange gereifte Ankündigung. Es war die erste Hälfte einer Abschiedsrede; es war der große Einstieg in den großen Ausstieg. Die Ankündigung ihres Rückzugs vom Parteivorsitz so kurz vor dem Reformationstag bedeutet jedenfalls: Die Ära Merkel endet. Die Erneuerung, die Reformation der CDU kann beginnen."

In der FAZ sagt Michael Hanfeld zu den Journalisten "Rührt Euch!". Er schreibt: 3Kein Wunder, dass die Grünen mit ihrem aufgesetzten Optimismus abräumen, auch wenn ihre Version von „Wir schaffen das“ schon bei der von Journalisten viel zu selten gestellten Frage endet: „Wir schaffen – was?“.

All dies schien am Wahlabend im Fernsehen andeutungsweise auf, kein „rasender Stillstand“. Für den sorgen freilich Journalisten und Kommentatoren, die sich gar nichts anderes mehr als den Status quo vorstellen können, der mit Blick auf die Union seit Jahren darin bestand, dass die Bundeskanzlerin jede Diskussion in ihrer Partei im Keim erstickte und eine Politik machte, für die sie von der größten Oppositionspartei im Bundestag häufiger gelobt denn kritisiert wurde."

--------------