Eilmeldung

Wie schneiden die EU-Länder in Sachen Gleichstellung ab?

Langsamer Fortschritt in Sachen Gleichstellung
Langsamer Fortschritt in Sachen Gleichstellung
Euronews logo
Schriftgrösse Aa Aa

Die Europäische Union hat noch einen langen Weg vor sich, bis ihre Gesellschaften die Gleichstellung von Männern und Frauen erreichen. Das geht aus den neuen Zahlen des Gender Equality Index 2019 des Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) hervor.

EIGE definiert Geschlechtergleichstellung als "gleiche Rechte, Pflichten und Chancen von Frauen und Männern sowie von Mädchen und Jungen". Die Gleichstellung der Geschlechter ist kein reines Frauenproblem, sondern beschäftigt Männer genauso sehr, und sie wird allgemein als Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung angesehen.

Die Vereinten Nationen sehen die Förderung der Gleichstellung "entscheidend für alle Bereiche einer gesunden Gesellschaft, von der Armutsbekämpfung bis zur Förderung von Gesundheit, Bildung, Schutz und Wohlbefinden von Mädchen und Jungen".

Arbeit, Geld, Wissen, Zeit, Macht und Gesundheit - im Vergleich

Vor diesem Hintergrund überwacht das EIGE seit 2013 die Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter in der gesamten EU, indem es die Fortschritte in sechs Kernbereichen misst: Arbeit, Geld, Wissen, Zeit, Macht und Gesundheit sowie unter Berücksichtigung der nationalen Rahmenbedingungen in relevanten Politikbereichen.

Der Parameter "Arbeit" misst den gleichberechtigten Zugang von Männern und Frauen zu Arbeitsmöglichkeiten, indem er die Art der Beschäftigung, die Möglichkeiten der Beförderung sowie die Qualität der Ausbildung erfasst.

"Geld" misst Gesamteinkommen, Rente, Kaufkraft und Armutsrisiko, während "Wissen" den Zugang und die Teilnahme an Bildung sowie die "Geschlechtertrennung" bei der Bildungs- und Berufswahl von Männern und Frauen anschaut.

"Zeit" betrachtet die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Zeit, die mit Pflegeaufgaben und Hausarbeiten verbracht wird, und "Macht" betrachtet Teilnahmen am Entscheidungsprozessen sowohl aus politischer als auch aus unternehmerischer Sicht.

In der Kategorie "Gesundheit" liegt die Aufmerksamkeit auf den geschlechtsspezifischen Bedingungen und dem Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Der Index verfolgt auch Gewalt gegen Frauen und überschneidende Ungleichheiten. Jedes Land erhält auf jeder Kategorie eine Punktzahl von 0 bis 100.

The 🇪🇺 EU scores 67.4 for gender equality, one point up since 2017. Although we are moving in the right direction, we...

Publiée par European Commission sur Mardi 15 octobre 2019

Da der Index Lücken, die Frauen oder Männer schädigen, als gleichermaßen problematisch betrachtet, bedeuten höhere Gesamtergebnisse, dass die Länder sowohl über kleine oder fehlende geschlechtsspezifische Lücken als auch über eine allgemein gute Situation für alle an den verschiedenen Bereichen beteiligten Akteure verfügen.

Gleichzeitig zeigt es die unterschiedlichen Realitäten, mit denen verschiedene Gruppen von Frauen und Männern konfrontiert sind, und wendet einen intersektionalen Ansatz an, der auch Behinderungen, Alter, Bildungsniveau, Herkunftsland, Religion und sexuelle Orientierung berücksichtigt.

Fortschritt "im Schneckentempo"

Im Jahr 2005 lag der Wert des Allgemeinen Gleichstellungsindex der EU bei 62. Vierzehn Jahre später hat er sich nur um 5,4 Punkte verbessert underreicht einen regionalen Durchschnitt von 67,4 Punkten.

"Wir bewegen uns in die richtige Richtung, aber wir sind noch weit von der Ziellinie entfernt", sagte Virginija Langbakk, Leiterin von EIGE. "Unser Index, der einen Maßstab für die Gleichstellung der Geschlechter in der EU setzt, zeigt, dass fast die Hälfte aller Mitgliedstaaten unter die 60-Punkte-Marke fällt. Da das neue EU-Parlament und die neue Kommission die EU-Prioritäten für den nächsten strategischen Rahmen gestalten und erneuern, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Gleichstellung der Geschlechter vorangetrieben wird".

Da sich die Geschlechterlücke "im Schneckentempo" schließt, fallen einige Länder weiter zurück als andere.

Schweden bleibt mit 83,6 Punkten fest an der Spitze, gefolgt von Dänemark mit 77,5 Punkten. Am Ende der Rangliste stehen Ungarn mit 51,9 Punkten und Griechenland mit 51,2 Punkten.

In einigen Ländern, wie Litauen, gab es seit 2005 kaum oder gar keine Verbesserungen. Andere, wie Portugal, Estland, Italien und Zypern, zeigten deutliche Verbesserungen.

EIGE
Der Durchschnittswert für 2019 liegt bei 67,4 von 100 Punkten, was bedeutet, dass die EU in 12 Jahren nur 5,4 Punkte zugelegt hat.EIGE

Schlimmer noch, die Hälfte der europäischen Mitgliedsstaaten fällt unter 60 Punkte. "Die Ungleichheit der Geschlechter hindert Europa daran, sein Potenzial voll auszuschöpfen. Ich bin stolz auf das Erreichte, aber jetzt müssen unsere Maßnahmen vor Ort etwas bewirken", sagte die für Justiz, Verbraucher und Gleichstellung der Geschlechter zuständige EU-Kommissarin Věra Jourová.

Was bedeutet das?

Im Grunde genommen bleibt in allen Bereichen des täglichen Lebens - von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bis zur Kinderbetreuung, von der politischen Entscheidungsfindung bis zum Geld, das man in der Tasche hat - noch viel zu tun, bis die Gleichstellung der Geschlechter erreicht ist. Ein Grund dafür ist, dass sexistische Stereotypen und Vorurteile immer noch Einstellungen und Verhaltensweisen prägen.

Ein eklatantes Beispiel ist die Lücke in der Work-Life-Balance. Da der Anteil der über 65-Jährigen auf dem ganzen Kontinent weiter zunimmt, belastet die Zeit, die der informellen, unbezahlten Betreuung nicht nur von Kindern, sondern auch von älteren Menschen gewidmet ist, überproportional die Frauen. Von ihnen wird seit jeher erwartet, dass sie diese Art der Pflege in ihre häuslichen Aufgaben integrieren.

Frauen sind benachteiligt

Diese Tatsache greift in andere Aspekte des Lebens von Frauen hinein: Wie der Bericht feststellt, "erhöht die stärkere Beteiligung von Frauen an der informellen Pflege, die sich negativ auf ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt auswirkt, auch ihr Risiko von wirtschaftlicher Abhängigkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung".

Auch bei der Bereitstellung und Förderung von Elternurlaub für Väter von Neugeborenen hinken die nationalen Politiken hinterher. Dieser Mangel an einer angemessenen Sozialpolitik führt dazu, dass Männer oft noch immer als automatische Vollzeit-Ernährer wahrgenommen werden. So fallen Frauen reproduktive Rollen und unbezahlte Kinderbetreuung zu: Mehrere europäische Länder fördern die wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen nicht.

Fortschritt bei "Macht" am geringsten

"Macht" ist jedoch das Feld, in dem nach dem Index die Spaltung am deutlichsten zu erkennen ist. In Griechenland, Zypern, Malta und Ungarn machen Frauen weniger als 20 % der Parlamentarier aus. Insgesamt dominieren Männer die Verwaltungsräte der größten börsennotierten Unternehmen und Zentralbanken in der EU. Frauen stellen 40% der Vorstandsmitglieder von öffentlich-rechtlichen Forschungsförderungseinrichtungen und 36% der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.

Gewalt gegen Frauen nimmt EIGE nicht in den Gesamtindex auf, da es als Indikator nicht die Unterschiede zwischen der Situation von Männern und Frauen misst, sondern sich auf die weibliche Erfahrung von Gewalt konzentriert.

Euronews kann nicht mehr über Internet Explorer abgerufen werden. Der Browser wird von Microsoft nicht aktualisiert und unterstützt die neuesten technischen Entwicklungen nicht. Wir empfehlen Ihnen, einen anderen Browser wie Edge, Safari, Google Chrome oder Mozilla Firefox zu benutzen.