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Baden und Wodka trinken: Was Weißrussland gegen das Coronavirus tut - und was nicht

Fans bei einem Fußballspiel in Weißrussland am 27. März 2020
Fans bei einem Fußballspiel in Weißrussland am 27. März 2020   -   Copyright  Sergei Grits/AP
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Während Regierungen weltweit öffentliche Veranstaltungen verbieten, die Polizei die Bürger wegen Verletzungungen der Ausgangssperre mit Geldstrafen belegt und Milliarden Menschen sich überlegen, wie sie ihren neuen Alltag strukturieren, ging der Präsident von Weißrussland, Alexander Lukaschenko, am Dienstag zu einem Eishockeyspiel.

Mit Knieschützern und Hockeymaske und umgeben von Tausenden von Zuschauern scherzte Lukaschenko: "Hier gibt es keine Viren. Haben Sie welche herumfliegen sehen? Ich sehe sie auch nicht."

Die kalten Bedingungen auf dem Spielfeld seien zudem gut für seine Gesundheit: "Es gibt nichts besseres als Sport, besonders in der Kälte. Es ist ein echtes antivirales Medikament", sagte er.

Weißrussland erfasste in dieser Woche 152 Infektionen mit dem Coronavirus, ein Todesfall ist bislang bekannt. Das Land ist dem Beispiel seiner Nachbarn nicht gefolgt, indem es Veranstaltungen einschränkte: Eishockey und auch die Fussballliga des Landes wird fortgeführt, auch für das kommende Wochenende sind Dutzende von Spielen geplant.

AP berichtete, dass wenige Menschen in der Hauptstadt Minsk Schutzmasken tragen und auch Fabriken, Läden und Restaurants ihrem normalen Betrieb nachgehen. Die einzige andere europäische Nation, die bisher keine strenge soziale Distanzierung als Reaktion auf das Virus vorschreibt, ist Schweden.

Was steckt hinter dieser Politik?

Ryhor Astapenia, ein Weißrussland-Experte im Chatham House, sagte Euronews, dass Lukaschenkos Zögern, dem Rest Europas - und einem Großteil der Welt - in die Abriegelung zu folgen, wahrscheinlich wirtschaftlicher Natur ist: eine Abriegelung würde zu einer drastischen Rezession im Land führen, und im Gegensatz zu westlichen Staaten und sogar Russland hat Weißrussland nicht die Ressourcen, um Unternehmen und Bürger zu retten.

"Die zweite Erklärung ist eine psychologische: Lukaschenko glaubt wirklich, dass die ganze Welt überreagiert", fügte Astapenia hinzu.

Auf die Frage nach dem ersten Todesfall in Weißrussland aufgrund von COVID-19 schien Lukaschenko sogar an der Schwere des Virus zu zweifeln und zu spekulieren, dass er ihn bereits gehabt und sich erholt haben könnte. "Ich bin nicht getestet worden. Ich weiß nicht, ob ich dieses Virus schon einmal gehabt und es nur nicht bemerkt habe", sagte er.

Die beste Möglichkeit, die Ansteckung mit COVID-19 zu verhindern, sei zudem der Besuch von Badehäusern und das Trinken von Wodka.

International sehen wir derzeit wie Clowns aus.
Anatoli Lebedko
Oppositionspolitiker

Kritiker in Weißrussland haben argumentiert, dass die Haltung Lukaschenkos das Land international lächerlich gemacht habe.

"International sehen wir derzeit wie Clowns aus, deren Herrscher Heilmittel gegen das Coronavirus anbietet: das Badehaus, Wodka, Traktoren. Diese Liste hat sich nun um Eis, Hockey und Kühlschränke erweitert. Das nimmt keiner ernst", sagte Anatoli Lebedko, ein Aktivist der Opposition, gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Gutes Gesundheitssystem: Ein Erbe aus Sowjetzeiten

Andere Experten glauben allerdings, dass Weißrussland vielleicht tatsächlich besser auf COVID-19 vorbereitet ist als andere europäische Staaten.

Ein Bericht über den Gesundheitssektor in Weißrussland aus dem Jahr 2013 ergab, dass das Land mehr Krankenhausbetten pro Kopf hat als jedes andere Land in der GUS oder der EU, 11,3 Betten kamen im Jahr 2011 auf 1.000 Einwohner. In Italien und Spanien waren es laut Weltbank-Zahlen von 2012 bzw. 2013 3,4 bzw. 3 Betten.

Rumen Dobrinsky, ein leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsstudien und Länderexperte für Bulgarien und Weißrussland, sagte Euronews, dass die relative Stärke des Gesundheitssystems im Land ein Erbe der Sowjetzeit sei.

"Es war so konzipiert, dass es in der Lage war, mit Wellen von Infektionskrankheiten umzugehen, die in der frühen Sowjetzeit weit verbreitet waren", sagte er, was sich "in der bestehenden vertikalen Struktur der sanitären epidemiologischen Aufklärung und Kontrolle sowie in der Anzahl der Krankenhausbetten widerspiegelt".

"Diese Struktur ist nach der Auflösung der Sowjetunion gut erhalten geblieben und ist trotz einer gewissen Degradierung immer noch sehr intakt".

Was Lukaschenkos Haltung gegenüber sozialer Distanzierung betrifft, so vermutet Dobrinsky, dass Weisrussland - das wie seine Nachbarn seine Grenzen geschlossen hat - schließlich gezwungen sein wird, Ausgangssperren zu verhängen, wie dies auch im Fall Großbritanniens der Fall war, das ebenfalls anfangs zögerte.

Ein früher Anstoß dazu könnte von den Fans der weißrussischen Fußballliga gekommen sein, die am Mittwoch bestätigten, dass sie an diesem Wochenende Spiele boykottieren würden. Weißrussland ist die einzige Nation in Europa, die trotz COVID-19 Spiele zulässt.

AP berichtete, dass eine führende Fangruppe in Neman Grodno sagt, dass ihre Mitglieder keine Spiele mehr besuchen werden. Sie haben Fans anderer Mannschaften aufgefordert, das Gleiche zu tun.

Ein gefährliches Spiel für Lukaschenko

Die Fans haben den nationalen Fussballverband aufgefordert, "etwas Mut zu fassen und die weißrussische Meisterschaft zu stoppen, wie es der Rest der Welt getan hat".

Auch die Fans von Shakhter Soligorsk wollen keine Spielen mehr besuchen, "bis die epidemiologische Situation es uns erlaubt, auf die Tribüne zurückzukehren". Sie haben allerdings nicht gefordert, dass die Saison ausgesetzt wird.

Die Gefahr für Lukaschenko, so Astapenie von Chatham House, besteht darin, dass COVID-19 zu Lukaschenkos "Tschernobyl"-Moment wird. "Lukaschenko spielt ein gefährliches Spiel, das nicht nur die öffentliche Gesundheit, sondern auch die eigene politische Rolle betrifft", sagte er.

"Wenn die Zahl der Infektionen und Todesfälle deutlich ansteigt, werden die Weißrussen ihm die Schuld dafür geben. Seine Popularität in der Gesellschaft und innerhalb seines politischen Systems wird sinken. "