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Hauptstadtflughafen BER: Chronik des Scheiterns

Anzeigetafel auf dem BER
Anzeigetafel auf dem BER   -   Copyright  Markus Schreiber/AP
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Nirgendwo trat die deutsch-deutsche Teilung so deutlich zutage wie in Berlin - die Stadt hatte Anfang der 1990er Jahre drei Flughäfen, Tempelhof und Tegel im Westteil der Stadt und Schönefeld im Osten.

Die Idee eines zentralen Flughafens für die deutsche Hauptstadt entstand nach der deutschen Wiedervereinigung - 1991. Schon ein Jahr später beginnt die Planung unter dem Projektnamen BBI - Berlin Brandenburg International.

1996 entscheiden die Gesellschafter Berlin, das Land Brandenburg und der Bund, den Flughafen "zur Bedienung der regionalen Nachfrage" am Standort Schönefeld zu bauen. Eine Fehlentscheidung, wie Flughafenplaner Dieter Faulenbach da Costa gegenüber Euronews erklärt. Faulenbach da Costa hat seit 1985 Flughäfen geplant und das Flughafenprojekt BER von Anfang an begleitet. Danach war der Ingenieur "verschiedentlich, aber immer nur zeitlich begrenzt" im "Projekt Schönefeld" als Berater involviert.

Denn langfristig betrachtet ist der Standort Schönefeld "in Stadtnähe und nicht erweiterbar". Schon damals war klar, dass Berlin flächenmäßig expandieren würde, so Faulenbach da Costa.

Ein Raumordnungsverfahren von 1994 kommt zu dem Schluss, dass der Standort Schönefeld für die vorgesehenen zwei Pisten und ein Passagieraufkommen von 30 Millionen Passagieren ungeeignet ist. Es empfiehlt die Standorte Sperenberg, Jüterbog-Ost und Jüterbog-West, sie alle liegen im Süden Brandenburgs.

Eröffnungstermin 30.Oktober 2011

2003: Die Privatisierung des Flughafenbaus und -betriebs scheitert endgültig, der Bund und die Länder Brandenburg, Berlin entscheiden, den Flughafen selbst zu bauen. Als Eröffnungstermin wird der 30. Oktober 2011 festgelegt.

Am 5. September 2006 beginnt der offizielle Bau des Flughafens, beim Spatenstich sind Flughafen-Geschäftsführer Rainer Schwarz, Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck dabei.

2007 erteilt das Bauordnungsamt des Landkreises Dahme-Spree die Baugenehmigung für das Hauptterminal und den "Pier Nord". Schon zu diesem Zeitpunkt werden, laut Flughafenplaner Faulenbach da Costa "gravierende Planungsfehler" offensichtlich. Das zum Bau genehmigte Terminal mit rund 260.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche und der internen Flächenverteilung ist zu klein. Zudem wird die Ausschreibung eines Terminals durch einen Generalunternehmer aufgehoben. Es werden kleinere Bauaufträge an verschiedene Baufirmen vergeben.

DIe Gesellschafter und das Architektenbüro GMP und JSK wollten “zu jedem Preis” am Eröffnungstermin festhalten, auch wenn die damalige Projektsteuerung dafür plädierte, den Flughafen neu zu planen und die Eröffnung zu verschieben. Um den Bau voranzubringen, wird eine "Beschleunigungsprämie" an Bauunternehmer vergeben - ohne Erfolgskontrolle. Der Architekt wird dazu beauftragt, den "Pier Süd" zu planen und die entdeckten Planungsfehler am Terminal 1 zu beseitigen. Der Baubeginn erfolgt dann auf Grundlage der Baugenehmigung von 2007.

"Dass man 2006/2007 einen Bauantrag für ein Terminal stellt, das schon zum damaligen Zeitpunkt zu klein war, um die Passagiernachfrage bedienen zu können, also zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme deutliche zu klein gewesen wäre und dass man dann unter Eile versucht hat, unter Termindruck das Terminal fertigzustellen und das Chaos auf der Baustelle angerichtet hat, die Kontrolle über die Baustelle verloren hat und dann versucht hat, egal wie, fertig zu werden. Das hat zu dem Chaos geführt", meint Faulenbach da Costa.

CellarDoor85 (Boris Motel), CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Flughafen Berlin Brandenburg - Innenansicht des im Bau befindlichen Terminals (Juni 2011)CellarDoor85 (Boris Motel), CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Wegen der fehlender Kapazität wird der "Pier Süd" und der "Main Pier" um drei Positionen verlängert, ein neues Zwischengeschoss wird mit eingeplant. Damit sollten 27 Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden können, 12 Millionen mehr als im ersten Bauantrag vorgesehen.

2009 wird der Name des Airports festgelegt. Der Berliner Flughafen wird nach dem ehemaligen Bundeskanzler und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt benannt. Die internationale Bezeichnung wird in BER - Berlin Brandenburg Airport - umgewandelt. Dazu kommen zwei Erweiterungsgenehmigungen für den Pier Süd (2009) und die Pavillons (2010). Die Gesamtfläche des Flughafens beträgt nun 80.000 Quadratmeter.

Robert Aehnelt, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons
Baustelle Flughafen Berlin Brandenburg, 29.03.2010Robert Aehnelt, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons
Michael F. Mehnert, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Das im Bau befindliche Terminal des Flughafens Berlin Brandenburg (BER). Aufgenommen vom BBI-Infotower ausMichael F. Mehnert, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Eröffnungstermin: 3. Juni 2012

2010 meldet das für die Technik zuständige Ingenieursbüro Insolvenz an. Das sorgt für Turbulenzen im Planungsgremium des Flughafens. Zudem fordern neue EU-Sicherheitsbestimmungen weitere Baumaßnahmen, heißt es offiziell. Als es sickert durch, dass die Pläne für die Gebäude- und Sicherheitstechnik und Brandschutzmaßnahmen im Terminal entscheidende Mängel aufweisen.

Nach dem Veröffentlichen der Flugrouten formiert sich Widerstand gegen den Bau des Großflughafens - Bürgerinitiativen und Gemeinden reichen Klagen gegen Fluglärm und Schadstoffemissionen ein. 2006 hatte das Bundesverwaltungsgericht bereits verfügt, dass es am Standort ein Nachtflugverbot gelten muss. Starts und Landungen sind also nur zwischen 5 und 24 Uhr stattfinden.

Eröffnungstermin platzt wegen des "Monsters"

Einen Monat vor der geplanten Inbetriebnahme im Mai 2012 gibt Aufsichtsratschef Klaus Wowereit bekannt, dass der Termin verschoben werden muss. Die Brandschutzanlage, die unter dem Namen "Monster" traurige Berühmtheit erlangte, kann wegen "fehlender Funktionsfähigkeit" nicht in Betrieb genommen werden.

Später stellt der Landesrechnungshof von Brandenburg fest, dass der Bau zu diesem Zeitpunkt erst zu 57 Prozent fertiggestellt war.

"Damit war es vorprogrammiert, dass man nicht weiterkam. Und dann hat weder den Geschäftsführer noch den Aufsichtsrat interessiert, ob der Flughafen jetzt saniert wird und die Nachfrage bedienen kann, sondern sie waren nur daran interessiert, den Flughafen in Betrieb zu nehmen, egal zu welchen Bedingungen", sagt Faulenbach da Costa.

Eine Stange Dynamit würde für mehr Ordnung sorgen als der Versuch, das Ding zu sanieren.
Dieter Faulenbach da Costa
Ingenieur und Flughafenplaner

Auf die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, zu diesem Zeitpunkt einen radikalen Schnitt zu machen, sagt der Flughafenplaner: "Etwas überspitzt formuliert: Eine Stange Dynamit würde für mehr Ordnung sorgen als der Versuch, das Ding zu sanieren. Damit habe ich aber gemeint: Lasst den Rohbau stehen, entkernt das Gebäude und macht innendrin alles neu. Lasst den Flugahfen funktional und vor allem auch für die Nachfrage gerecht. So dass die Nachfrage auch in 10-15 Jahren noch bedient werden kann. Das wäre billiger, schneller, und erfolgreicher gewesen als der Versuch, mit dem Murks, den man angerichtet hatte, den zu sanieren und anschließend - also 8 oder 9 Jahre verspätet in Betrieb zu nehmen."

Eröffnungstermin: 17. März 2013

Es wird ein neuer leitender Bauingenieur eingestellt, der alte entlassen. Horst Amman war zuvor beim Fraport beschäftigt. Er beginnt, die Baumängel zu dokumentieren - ihre Zahl liegt im sechsstelligen Bereich. Viele von ihnen sind "genehmigungsrelevant".

Neben dem bekannten Problem der Brandschutzanlage sind die Rolltreppen zu kurz, Regenwasser dringt in die Belüftungsanlage, Kabelschächte sind an Stellen eingezeichnet, an denen Rohrleitungen liegen, die Türen sind falsch nummeriert, so dass Rettungsdienste nicht die richtigen Räume finden können, es gibt zu wenige Gepäckbänder - die Liste ist schier endlos.

Amman dringt auf eine Verschiebung des Eröffnungstermins auf den 27. Oktober 2013.

27. Oktober 2013 auf unbekannt

Anfang 2013 wird früherer Bahn-Chef und AirBerlin-Chef Hartmut Mehdorn zum Flughafen-Chef ernannt. Er entlässt den leitenden Bauingenieur Amman. Zudem verspricht er, mit einem "Sprint-Programm" für die schnelle Fertigstellung des Flughafens zu sorgen. Er wandelt die Werkverträge von Planern und Baufirmen in Dienstleistungsverträge um, dadurch müssen kein erfolgreiches Ergebnis vorlegen. Er verzichtet auch auf Garantieansprüche und Nachbesserungspflichten der Baufirmen.

Mehdorn versucht, einen Teil des Flughafens ab dem Frühjahr 2014 in Betrieb zu nehmen. Das Vorhaben scheitert - eine Eröffnung im Jahr 2014 sei ausgeschlossen. Mit der Nennung eines konkreten Termins hält sich Mehdorn zurück, in einem Interview mit der Rheinischen Zeitung am 14.Juni 2014 erklärte er jedoch: "Spätestens Ende des Jahres sind wir soweit, einen Termin zu nennen, und der wird es dann sein. Das garantiere ich.

Dazu erklärt Faulenbach da Costa: "Die Führungsebene bis 2012 hat das Ding gegen die Wand gefahren, ab 2013 dann übernahm Herr Mehdorn, der wollte den Flughafen fertigstellen, egal wie, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, was es kosten würde. Und hat auf viele Sachen verzichtet, die Bauunternehmen in Gewährleistung zu nehmen, in Haft zu nehmen, den Murks den sie gebaut haben zu reparieren, sondern hat sie davon befreit."

Eröffnungsdatum "zwischen Juni und Dezember 2017"

In diesem Jahr wird auch der vorläufige Weiterbetrieb des alten Flughafen Schönefelds beschlossen. Auch sickert aus einem internen Bericht durch, dass die Arbeiten zur Beseitigung der Brandschutzmängel nicht richtig voran kamen. Das hatte der neue leitende Bau-Ingenieur Jörg Marks kritisiert.

Im Januar wird BER-Chef Mehdorn ersetzt. Ihm folgt Karsten Mühlenfeld. Schon im Februar wird gemunkelt, dass der ZEitrahmen für eine Eröffnung des Flughafens 2017 nicht realistisch sei - das sagen die am Bau beteiligten Firmen.

Im Sommer erfolgt die Insolvenz einer weiteren Bau-Firma: Imtech Deutschland GmbH & Co. KG. "Imtech ist eine der wichtigsten Baufirmen für die BER-Baustelle", erklärte damals Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. Dem Flughafen-Chef zufolge droht damit eine erneute Terminverschiebung. DIe Eröffnung des Airports in der zweiten Jahreshälfte 2017 scheint in Gefahr.

Soeren Stache/AP
Luftaufnahme BERSoeren Stache/AP

Anfang 2016 beschließt man die Planung und Errichtung eines zusätzlichen Terminals (T2) mit einer Geschossfläche von 45.000 m². Mit der Errichtung eines zusätzlichen Terminals sollen jährlich rund acht Millionen zusätzliche Passagiere abgefertigt werden.

Der seit 2012 eingesetzte Untersuchungsausschuss, “der die Ursachen, Konsequenzen und Verantwortung für die Kosten- und Terminüberschreitungen des im Bau befindlichen Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) aufklären sollte, legt seinen Abschlussbericht vor.

Auf mehr als 1000 Seiten werden die Planungs- und Koordinationsfehler vor und während des Baus, die Baumängel, das fehlerhafte Krisenmanagement analysiert.

Wegen der fehlerhaften Steuerung von Automatiktüren und andauernden Problemen an der Sprinkleranlage wird der Eröffnungstermin auf das zweite Halbjahr 2018 verschoben.

Ab März 2017 wird Engelbert Lütke Daldrup neuer Flughafen-Chef. Der Stadtplaner war schon seit 2015 als Flughafenkoordinator des Landes Berlin im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft. Bis Ende August 2018 will der neue Flughafen-Chef den Neubau fertigstellen. Danach sollen Tests, Abnahmen und ein Probebetrieb folgen, die wiederum ein Jahr in Anspruch nehmen.

Zweites Halbjahr 2018?

Einem Bericht im Tagesspiegel zufolge ist die Lage auf der Baustelle "dramatischer als bisher bekannt". Man geht von einer Eröffnung nicht vor Ende 2021 aus. Die Prüfung mehrerer sicherheitsrelevanter Anlagen (Sicherheitsverstromung und Sicherheitsbeleuchtung des Hauptterminals) durch den TÜV scheitern. Im Sommer 2018 wird mit dem Bau des "Billigflieger-Terminals" T2 begonnen.

Am 29. Oktober 2019 nennt Lütke Daldrup einen weiteren Eröffnungstermin:

31. Oktober 2020: Jetzt aber wirklich

Zwar schafft auch Lütke Daldrup nicht, das Kapazitätsproblem zu lösen, aber er bekommt im Frühjahr 2019 alle erforderlichen Abnahmen von Gutachtern und Bauordnungsämtern, um eine Inbetriebnahme des Pannenflughafens zu gewährleisten.

Markus Schreiber/AP
BER Flughafenchef Lütke DaldrupMarkus Schreiber/AP

Im April 2020 hatte verkündigte Lütke Daldrup, dass alle notwendigen Unterlagen, die einer Inbetriebnahme des Flughafens im Weg standen, inklusive TÜV-Prüfbescheinigungen der Bauaufsichtsbehörde übergeben worden seien. Im selben Monat erfolgte auch die Freigabe des Hauptterminals durch die Bauaufsichtsbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald.

Im September konnte das "Billigflieger-Terminal" nach zweijähriger Bauzeit fertig gestellt werden.

Auch wirtschaftlich gesehen ist der Flughafen ein Desaster. So hat er die SteuerzahlerInnen mehr als das Dreifache der ursprünglich veranschlagten Summe von 2 Millarden Euro bis zur Eröffnung. Inzwischen ist man bei rund 7 Milliarden Euro angelangt.

Dazu sagt Faulenbach da Costa: "Es ist nicht absehbar, dass der Flughafen jemals wieder aus den roten Zahlen heraus kommen wird. Das heißt er wird eine dauerhafte Maschine, die Zuschüsse von den Gesellschafter braucht."

Hinzu kommen Umsatzeinbußen wegen fehlender Passagiere während der Corona-Krise. Auch Flughafenchef Lütke-Daldrup rechnet mit Gewinnen erst ab dem Jahr 2025.