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José Manuel Barroso: "Mit Biden haben wir eine Basis für gute Beziehungen"

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José Manuel Barroso: "Mit Biden haben wir eine Basis für gute Beziehungen"
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Zehn Jahre lang hat José Manuel Barroso die Europäische Kommission in Brüssel geleitet. In dieser Zeit arbeitete er mit dem damaligen Vizepräsidenten Biden zusammen, der jetzt zum US-Präsidenten designiert wurde. Außerdem managte er eine der wirtschaftlichen Erholungen Europas. Doch im Zuge der Coronavirus-Pandemie ist jetzt eine weitere Gesundung dringend nötig.

Euronews-Reporter Darren MacCaffrey:
Herr Barroso, herzlich willkommen zu The Global Conversation. Darf ich Sie zunächst einmal fragen, ob Sie erleichtert waren, als Sie die Nachricht hörten, dass Joe Biden die US-Präsidentschaft gewonnen hat, dass er der designierte Präsident ist? Wie würden Sie Ihre Gefühle beschreiben?

José Manuel Barroso:
Ja, es hat mich sehr gefreut, dass er die Wahl gewonnen hat. Meiner Meinung nach können wir sehr gut mit Joe Biden zusammenarbeiten, wenn es um das Zusammenspiel zwischen Europa und den USA geht. Wie die meisten Europäer haben auch wir die Nachricht von der Wahl Joe Bidens begrüßt. Ich denke, außer einigen populistischen Staatschefs waren zumindest die derzeitigen Spitzen der Europäischen Union hocherfreut über die Wahl Joe Bidens.

Was bedeutet Joe Biden für Europa?

Euronews:
In Ihrer Zeit als Kommissionspräsident haben Sie natürlich mit Vizepräsident Biden unter Barack Obama zusammengearbeitet. Wie schätzen Sie diesen Mann ein? Was wird seine Präsidentschaft Ihrer Meinung nach für Europa bedeuten?

José Manuel Barroso:
Er ist zuallererst mal eine verlässliche Person. Und er ist auch jemand, der an die Bedeutung der amerikanisch-europäischen Zusammenarbeit glaubt, nicht nur mit der Europäischen Union, sondern auch mit der NATO. Wir haben jetzt eine Basis, um in dieser Beziehung Fortschritte zu erzielen. Es wird nicht mehr genau so sein wie früher, denn die Welt hat sich verändert. Aber es ist gut zu wissen, dass jemand die USA regiert, den wir kennen und mögen.

Euronews:
Es kann nicht mehr wie früher sein, weil sich die Welt verändert hat, sagten Sie gerade. Schaut man sich die Entwicklungen dieser Woche an, die Ankündigung der Europäischen Kommission von weiteren Zöllen auf US-Waren im Zuge des Subventionsstreits, ist das auch eine Erinnerung daran, dass Europa und Amerika zwar Verbündete sein mögen, aber dass sie auch bis zu einem gewissen Grad Feinde bzw. Konkurrenten sind?

Handelsbeziehungen EU-USA sind die wichtigsten der Welt

José Manuel Barroso:
Ja, aber Konkurrenten, das ist in Ordnung. Auch in Europa gibt es, seien wir ehrlich, Wettbewerb zwischen den verschiedenen Regierungen und verschiedenen Ländern. Wettbewerb ist normal. Es geht darum, in einigen wichtigen Fragen wie der Verteidigung an einem Strang zu ziehen und auch darum, in vielen Angelegenheiten wirklich Partner zu werden sowie insgesamt übereinstimmende Ansichten zu haben. Und in der Tat teilen Europäer und Amerikaner im Grunde die gleichen Werte. Das ist in dieser sehr unberechenbaren Welt von heute unglaublich wichtig. Was wir also brauchen, ist ein Rahmen für diese Zusammenarbeit. Ungeachtet dessen, was die meisten Menschen denken, sind die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Europäischen Union und den USA immer noch die wichtigsten in der Welt – in Bezug auf das Handelsvolumen und auch bezüglich der beiderseitigen Investitionen.

Wird der Brexit mit Biden einfacher für Europa?

Euronews:
Thema Brexit – Manfred Weber sagte uns diese Woche, dass er davon überzeugt ist, dass Joe Biden als US-Präsident die Position der EU stärkt, was die Verhandlungen mit Großbritannien über dieses zukünftige Handelsabkommen angeht. Stimmen Sie mit ihm überein?

José Manuel Barroso:
Wir sind bereits vor der Wahl von Joe Biden einer Einigung näher gekommen. Ich hoffe, dass es eine Einigung geben wird. Es wäre wirklich eine Schande und fast schon absurd, jetzt kein Abkommen, sondern vielleicht Zölle oder Quoten zwischen der Europäischen Union und Großbritannien zu vereinbaren. Meiner Meinung nach sind wir sehr nahe an einer Einigung.

Euronews:
Aber macht die US-Wahl vergangene Woche eine Einigung wahrscheinlicher, weil Großbritannien Kompromisse eingehen muss?

José Manuel Barroso:
Großbritannien war schon vor dieser Wahl zu Kompromissen bereit. Es stimmt, dass der designierte Präsident Biden eine sehr starke Verbindung zu Irland hat, die von Vorteil für die Europäische Union ist. Und das war natürlich einer der Gründe, warum wir auch so erfreut über seine Wahl waren. Dennoch glaube ich nicht, dass das ein entscheidender Faktor für ein Abkommen sein wird, das hoffentlich zwischen Großbritannien und der Europäischen Union zustande kommen wird.

Kann die EU Krisen besser bewältigen?

Euronews:
Hat die EU sich während dieser Coronakrise besser bewährt bei der Ausarbeitung eines Konjunkturprogramms als zu Zeiten der Finanzkrise, als man sich nur mit Mühe auf Unterstützungsmaßnahmen einigen konnte?

José Manuel Barroso:
Die aktuelle Reaktion wäre ohne die Arbeit, die vorher geleistet wurde, nicht möglich gewesen. Man darf nicht vergessen, wo wir zu diesem Zeitpunkt standen. Damals sagten die meisten Menschen voraus, dass Griechenland den Euro verlassen würde. Viele Menschen, auch die Märkte, sagten das Ende des Euro voraus. Wir haben den Euro gerettet. Zu dieser Zeit haben wir viele Tabus gebrochen. Beispielsweise haben damals viele Mitgliedsstaaten die Idee der Rettung, der Unterstützung der schwächeren Länder, nicht akzeptiert. Jetzt haben sie verstanden, dass wir in einem Zusammenschluss wie der Europäischen Union zusammenhalten müssen. Darum war es diesmal möglich, weiterzugehen und schneller zu reagieren. Weil es die Erfahrung der vergangenen Krise gab und auch, weil wir jetzt Instrumente haben, die wir damals neu schaffen mussten, zum Beispiel den europäischen Stabilitätsmechanismus, den es damals noch nicht gab. Deshalb ist man jetzt in der Lage, mehr zu tun. Und das sind natürlich sehr gute Nachrichten. Übrigens, ich glaube, es muss noch mehr getan werden. Aber es wurde sehr überzeugend auf die Coronakrise reagiert. Sie wurde von einigen Leuten mit einer gewissen Überraschung aufgenommen, offen gesagt nicht von mir. Denn ich weiß, dass die Europäische Union Schritt für Schritt vorgeht. Manchmal, in Krisenzeiten, gibt es große Schritte, und genau das ist diesmal geschehen. Unter diesem Gesichtspunkt können wir die Entwicklungen positiv bewerten, die wir heute in der Europäischen Union erleben.

Aufregende Neuigkeiten aus der Impf-Forschung

Euronews:
Themawechsel: Ab Anfang 2021 sind Sie der neue Vorstandsvorsitzende der Impfallianz Gavi. Und was sagen Sie zur jüngsten Ankündigung von Pfizer? Aufregende Neuigkeiten.

José Manuel Barroso:
Ja, ich werde diesen Posten bei Gavi, der globalen Allianz für Impfstoffe, ab dem 1. Januar übernehmen. Ich will derzeit nicht näher auf die Ankündigung Pfizers eingehen. Aber sicher ist, dass wir alle diese Nachricht sehr positiv aufgenommen haben. Jetzt müssen wir auf die Notfall-Zulassung warten. Dieser Impfstoff und möglicherweise auch andere Impfstoffe, die derzeit entwickelt werden, sind eine sehr starke Reaktion auf die gegenwärtige Pandemie. Und das ist aus Sicht der öffentlichen Gesundheit, aber auch aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht von so entscheidender Bedeutung. Also im Grunde genommen extrem gute Nachrichten, diese neuen Nachrichten geben Hoffnung.