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Kommen Europas coronabedingte Impfversäumnisse uns teuer zu stehen?

Eine Impfung gegen Grippe wird aufgezogen
Eine Impfung gegen Grippe wird aufgezogen   -   Copyright  CDC on Unsplash
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Erinnern Sie sich zurück an das Frühjahr 2020. Die Länder Europas erlebten einen Dominoeffekt - eines nach dem anderen begab sich in einen Lockdown, die Unsicherheit war groß. Und viele Dinge, die wir inzwischen über das Coronavirus wissen, waren damals noch unbekannt. Akribisch wuschen wir unser gekauftes Gemüse, wenn wir aus dem Supermarkt zurückkamen. Und, was ganz entscheidend war, wir wussten nicht, in welchem Ausmaß Kinder von dem Virus betroffen sein würden. Hätten Sie als frischgebackene Eltern ihr Baby in eine Arztpraxis gebracht, um es gegen Masern, Meningitis oder Hepatitis B impfen zu lassen?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigte sich im Gespräch mit Euronews besorgt, dass viele Eltern genau das nicht getan haben. Man habe "Angst", dass die Europäer während der Pandemie Routineimpfungen gegen andere Krankheiten ausgelassen haben.

"Nach den vorläufigen Daten, die wir haben, und den Informationen, die wir von den nationalen Behörden erhalten, befürchten wir, dass die Zahl der Routineimpfungen im Jahr 2020 gesunken ist", sagte Dragan Jankovic, technischer Referent für durch Impfung vermeidbare Krankheiten und Immunisierung im WHO-Büro für Europa.

Herdenimmunität - nicht nur bei Covid-19 wichtig

"Herdenimmunität" wurde zum Schlagwort, als die Pandemie Europa erreichte, aber dieser Begriff bezieht sich nicht nur auf Covid-19 und bedeutet auch nicht unbedingt, dass große Teile der Bevölkerung erkranken - sie kann auch durch Impfung erreicht werden.

Das auch als "Populationsimmunität" bekannte Konzept beschreibt den indirekten Schutz vor einer Infektionskrankheit, der eintritt, wenn eine Bevölkerung entweder durch eine Impfung oder durch eine vorangegangene Infektion immun ist und sie ist von entscheidender Bedeutung dafür, dass hochansteckende Krankheiten wie Masern überhaupt ausbrechen.

Um eine Herdenimmunität gegen Krankheiten, einschließlich COVID-19, zu erreichen, muss ein erheblicher Teil der Bevölkerung geimpft sein. Erst dann wird Gesamtmenge des Virus, das sich in der Bevölkerung ausbreiten kann, reduziert werden.

Der Prozentsatz der Menschen, die geimpft sein müssen, um eine Herdenimmunität zu erreichen, variiert bei jeder Krankheit. Damit sie zum Beispiel gegen Masern funktioniert, müssen laut den Grenzwerten der WHO 95 Prozent einer Bevölkerung geimpft werden.

Die restlichen 5 Prozent der Menschen werden dadurch geschützt, dass sich die Masern unter den Geimpften nicht ausbreiten.

Olimpiu Gheorghiu/Copyright 2018 The Associated Press. All rights reserved.
Archiv: Ein Kind in Chitila, Rumänien wird geimpft. 6. Juni 2018Olimpiu Gheorghiu/Copyright 2018 The Associated Press. All rights reserved.

Ein Rückgang bei der Anzahl der Menschen, die sich impfen ließen, ist genau das, was Dr. Farzana Hussain, Allgemeinmedizinerin in der Project Surgery im Osten Londons, bei den Patienten in ihrer Praxis beobachtet hat.

"Als der erste Lockdown am 23. März begann, konnte ich beobachten, dass immer weniger Kinder für ihre Impfungen in die Praxis kamen", erzählt sie gegenüber Euronews, wobei die Impfraten bei älteren Kindern auf unter 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr sanken.

"Das war besorgniserregend, da die Masern bereits in den letzten Jahren in einigen Gegenden Londons wieder aufgeflammt sind", fügt Hussain hinzu.

Also entschied sie sich, etwas dagegen zu unternehmen. Da sie informiert worden war, dass Eltern, insbesondere solche mit kleinen Babys, Bedenken hatten, ihre Kinder in ihre Praxis zu bringen, richtete sie ein mobiles Zentrum vor dem Gebäude ein.

Die Eltern brachten ihre Babys im Auto oder schoben ihre Kinderwagen einfach unter die Veranda der Praxis und eine Krankenschwester kam heraus, um ihnen die nötigen Impfungen zu geben. Der persönliche Kontakt wurde auf zwei Minuten reduziert, der Rest des Termins wurde per Telefon abgewickelt, und die Eltern mussten die Praxis nicht mehr betreten.

Ende Juni lag die Durchimpfungsrate der Einrichtung bei den 2-Jährigen bei über 90 Prozent und bei den 5-Jährigen bei knapp 90 Prozent, knapp unter dem Zielwert der WHO liegt.

"Es gab noch nie so viele Möglichkeiten für Innovation wie während der Pandemie", sagte Hussain. "In der Vergangenheit hätte es bürokratische Hürden gegeben, aber auf einmal war jede:r bestrebt, die Bürokratie abzubauen und 'ja' zu sagen".

Was steht auf dem Spiel?

Während es in den letzten Jahren in Europa einige Fälle von anderen Krankheiten gab, wie Diphtherie und Keuchhusten, sind es die Masern, die den Ärzten den Schlaf rauben.

Der DTPa-Impfstoff (gegen die drei Infektionskrankheiten Diphtherie, Tetanus (Wunstarrkrampf) und Keuchhusten) wird seit langem verwendet und ist in allen Ländern Europas verfügbar und etabliert, so Jankovic.

Masern sind eine der ansteckendsten Krankheiten der Welt, so sehr, dass etwa 9 von 10 Menschen, die nicht geschützt sind, nach Kontakt mit dem Virus infiziert werden.

Die schwere Krankheit, die durch ein Virus verursacht wird, kann zu einer laufenden Nase, Husten, roten und tränenden Augen, kleinen weißen Flecken auf den Wangen und Ausschlag führen.

Die meisten masernbedingten Todesfälle werden durch Komplikationen im Zusammenhang mit der Krankheit verursacht. Schwere Komplikationen treten jedoch häufiger bei Kindern unter 5 Jahren oder bei Erwachsenen über 30 Jahren auf, weshalb in der Regel zwei Dosen des MMR-Impfstoffs (Masern, Mumps und Röteln) im Alter von einem und etwa drei Jahren verabreicht werden.

Ohrenentzündungen und Durchfall können beide als Folge von Masern auftreten, während zu den ernsthaften Komplikationen Lungenentzündung und Enzephalitis, eine Entzündung des Hirngewebes, gehören.

Von einem Ausbruch ist dann die Rede, wenn die Zahl der gemeldeten Fälle einer Krankheit in einem Gebiet höher ist als die erwartete Zahl der Fälle.

Elaine Thompson/AP
Eine Mumps-Masern-Röteln-Impfung wird vorbereitetElaine Thompson/AP

Die Gefahr eines Masernausbruchs in Europa besteht durchaus - ein Anstieg der Masernfälle begann 2017 und erreichte 2019 seinen Höhepunkt, als laut WHO über 100.000 Fälle gemeldet wurden.

Die Masernfälle auf dem Kontinent verdreifachten sich zwischen 2017 und 2018 und stiegen auf 82.596 an.

Die WHO gibt als Hauptgrund für den Anstieg der Masernfälle ab 2016 ein Versäumnis der rechtzeitigen Impfung von Kindern mit zwei Dosen masernhaltiger Impfstoffe (MCV1 und MCV2) an, der sich auch in den Daten zu den weltweiten Fällen widerspiegelte.

"Es gibt eine große Erfolgsgeschichte rund um die Masern - so viele Menschen wie nie zuvor sind geimpft, aber von Zeit zu Zeit haben wir Ausbrüche, wo es mehrere Tausend Fälle auf einmal gibt und die unerwartet und auch inakzeptabel sind", sagte Jankovic.

2018 gab es Ausbrüche in der Ukraine (53.218), Serbien (5.076), Frankreich (2.913), Italien (2.517), Russland (2.256), Georgien (2.203), Griechenland (2.193), Albanien (1.466) und Rumänien (1.087).

Ukraine - mehr Impfungen, aber zu welchen Kosten für die Eltern?

Während einer der heftigsten Masernausbrüche in Europa in der Ukraine kam ans Licht, dass Eltern in der Ukraine angeblich gefälschte Impfbescheinigungen erhalten hatten, auch wenn sie ihre Kinder nicht impfen ließen.

Dr. Fedir Lapiy, ein pädiatrischer Immunologe aus Kiew, erklärte 2019 gegenüber Euronews, dass Ängste und Misstrauen gegenüber Ärzt:innen einer der Auslöser für diesen Schritt waren. Studien haben jedoch gezeigt, dass die Mehrheit der ukrainischen Eltern Impfungen unterstützt.

Das Land sah sich 2010 ebenfalls mit einem kritischen Mangel an Impfstoffen konfrontiert, und obwohl sich die Situation gebessert hat, hat eine Mehrheit der Eltern, mit denen Euronews sprach, ihre Kinder während der Pandemie in privaten Einrichtungen impfen lassen.

"Eine private Klinik widmete eine ihrer Stationen speziell den Impfungen während des ersten Lockdowns und es war eine gute Gelegenheit, Kinder zu impfen, die zu dieser Zeit zu Hause waren", sagte Roksolana Avramenko, Mutter eines Jungen, der die Grundschule in Kiew besucht, zu Euronews.

Sergei Chuzavkov/AP
Kinderarzt untersucht ein Kind vor dem Impfen in Kiew, 23. April 2013Sergei Chuzavkov/AP

Aber jetzt ist ihr Sohn wieder in der Schule und sie ist verwundert darüber, wie die Impfungen inmitten "ständiger Covid-19-Kontakfälle oder Träger des Virus" vonstatten gehen sollen.

Vadym Kulichenko, außerordentlicher Professor an der Kiewer Nationalen Universität für Bauwesen und Architektur, sagte zu Euronews, dass er seine Kinder mit den geplanten MMR-Impfungen nach einem Anruf seines Hausarztes impfen ließ und "keine Probleme" hatte.

Aber der Vater von 6-jährigen Zwillingsjungen und einem älteren Sohn, der 11 Jahre alt ist, erzählt, dass das bei der Grippeimpfung nicht der Fall war: "Wir wollten uns im Oktober 2020 gegen die Grippe impfen lassen, konnten aber den Impfstoff nicht kaufen, es gibt einen Engpass."

Der Impfstoff-Mangel war nicht zu spüren, dennoch wurden die meisten Impfungen auf eigene Rechnung besorgt.
Iryna Znas
Mutter eines 2-jährigen Kindes aus Kiew

"Mein Baby war zu Beginn der Pandemie 13 Monate alt und die meisten unserer Arztbesuche fielen aus, aber für die Impfungen hatten wir grünes Licht", sagte Iryna Znas, eine Redakteurin aus Kiew.

"Alle staatlich vorgeschriebenen Impfungen und alle zusätzlichen, auf Kosten der Eltern, haben sie ohne Probleme durchgeführt: Der Mangel an Impfstoffen war nicht zu spüren, aber die meisten wurden aus eigener Tasche bezahlt, so dass ich eine Kombinationsimpfung für das Baby bekam und nicht drei bis fünf separate machen musste."

Olesia Maliuvanchuk, eine Mutter von zwei Kindern aus Lviv, sagte, dass sie weder die Auswirkungen der Pandemie noch die bereits bestehenden Hindernisse für Impfungen in der Ukraine gespürt habe.

"Ich habe nicht das Gefühl, dass ich wirklich betroffen war", sagte sie. "Für Impfungen hatten wir in dieser Zeit einen separaten Eingang zum medizinischen Zentrum."

Seit Beginn der Pandemie hat sie ihre beiden Kinder gegen mindestens neun Krankheiten impfen lassen, von denen einige kombinierte Impfungen sind oder mehrere Auffrischungen benötigten, in einem Gebiet, das als "rote Zone" für Covid-19 fällt.

Italien - Eins von drei Elternpaaren verschob die Impfungen ihres Kindes während des Lockdowns

Nachdem es in den letzten Jahren zu Masernausbrüchen in Italien gekommen ist, hat die Italienische Akademie für Pädiatrie (Società Italiana di Pediatria) die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Impfrate von Kindern in einer Umfrage untersucht, wie Aurea Oradini, eine Medizinerin, die sich auf Impfskepsis an der Vita-Salute San Raffaele Universität in Mailand spezialisiert hat, gegenüber Euronews.

Zwischen dem 28. April und dem 8. Juni 2020 befragte sie 1.500 Eltern von Kindern im Alter von 0 bis 11 Jahren, ob sie eine Routineimpfung wegen des Coronavirus aufgeschoben hätten, und einer von drei gab an, dies getan zu haben.

Die häufigsten Gründe für die Entscheidung der Eltern, die Impfungen zu verschieben, waren ein Mangel an Sicherheit aufgrund der Pandemie (44%), dass die Impfstelle geschlossen war (13%) und dass die Impfstelle den Termin verschoben hatte (43%).

Fast die Hälfte der befragten Eltern (46 %) gab an, dass sie keine neuen Informationen erhalten hatten, wie sie ihre Kinder während der Pandemie sicher impfen lassen können.

Wie groß ist der Schaden, den die Pandemie bei Impfungen angerichtet hat?

Die monatlichen Berichte der WHO zu Masern-Fällen in Europa für die erste Hälfte des letzten Jahres zeigen einen deutlichen Rückgang der Übertragung im Vergleich zu 2018 und 2019. Insgesamt wurden zwischen Januar und Juni 2020 12.028 Fälle gemeldet.

Jankovic warnt, dass diese Zahl eine Unterschätzung sein könnte und durch eine Reihe von Faktoren im Zusammenhang mit der Pandemie beeinflusst wird, einschließlich Kinder, die nicht zur Schule gehen und sich daher nicht infizieren, und Unterbrechungen in der labortechnischen Überwachung bei Masern auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020.

Auch liegt die Zahl von Anfang 2020 immer noch über der Zahl für den gleichen Zeitraum 2016 und 2017.

Tatsache bleibt, dass, wenn Kinder ihre Routineimpfungen gegen eine der Krankheiten, gegen die Europa impft, nicht erhalten, die Auswirkungen eher in der Zukunft als sofort zu spüren sein werden.

Ein italienischer Ärzteverband führte ebenfalls eine Kampagne durch, die Erwachsene dazu ermutigte, sich gegen Grippe und Pneumonie impfen zu lassen, wenn sie bei ihrem Hausarzt waren.

Die Motivation hinter der Initiative war, die Arzttermine während der Pandemie zu optimieren und die Differentialdiagnose von COVID-19 mit anderen Krankheiten zu reduzieren.

Die SIMG (Società Italiana di Medicina Generale e delle cure primarie) nutzte den Slogan "halte die andere Schulter hin", um die Patienten zu ermutigen, ihre Impfungen nicht sausen zu lassen.

Rückgang bei anderen Impfungen zeichnet sich ab

Die vorläufigen Daten, die die WHO erhalten hat, und die Informationen, die sie von den nationalen Behörden bekommen hat, deuten darauf hin, dass die Durchimpfungsrate bei Routineimpfungen im Jahr 2020 aufgrund von Ausfällen im Zusammenhang mit der COVID-Pandemie insgesamt gesunken ist.

Jankovic sagte, dass die WHO und die meisten europäischen Länder das wahre Ausmaß des Schadens, den die COVID-Pandemie bei den Impfungen für andere Krankheiten angerichtet hat, noch nicht kennt.

Die Organisation verfügt noch nicht über vollständige Datensätze für 2020, die sie für alle 53 Länder der Europäischen Region der WHO analysieren konnte.

Auf administrativer Ebene gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern, beispielsweise dabei, wie die Informationen erfasst werden, und es bestehen Datenlücken für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen, die aus Gründen, die in jedem Land anders sind, keinen Zugang zu Impfstoffen haben.

Hinzu kommt, dass selbst wenn Länder während der Pandemie noch Routineimpfungen durchgeführt haben, die Berichterstattung darüber möglicherweise nicht ihre höchste Priorität war, so Jankovic.

Fast 41 Länder weltweit haben ihre Masernkampagnen bereits auf 2020 oder 2021 verschoben oder drohen dies zu tun, was das Risiko größerer Ausbrüche auf der ganzen Welt erhöht, die nach Europa eingeschleppt werden könnten.

Jankovics Abteilung bittet die Länder, auch andere Impfungen aktuell zu halten und "ständig abzuwägen, wie hoch das Risiko einer COVID-Pandemie und das Risiko anderer Krankheiten ist, alle Leistungen vorrangig aufrechtzuerhalten und bei Ausbrüchen von impfpräventablen Krankheiten sofort zu reagieren".

Die wichtigste Botschaft ist, dass die Länder eine Bestandsaufnahme machen und alle Impfstoffe, die verzögert oder gestrichen wurden, in allen Bereichen ihrer Bevölkerung nachholen sollten, da "die meisten" Lücken in der Versorgung haben.

Was die Masern betrifft, so ist das erklärte WHO-Ziel die vollständige Ausrottung der Krankheit, und wir "laufen die letzten 100 Meter des Marathons", erklärt Jankovic.

"Corona hat uns gezeigt, was passiert, wenn wir uns nicht gegen eine Krankheit impfen lassen", fügt er hinzu. "Das könnte für jede einzelne Krankheit passieren, wenn man nicht impft ist und es zu einem Ausbruch kommt, werden wir eine ähnliche Situation erleben."

Mit Recherchen von Farah Gomaa