Eilmeldung
Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Deutsche Wirtschaft fordert Tempo bei Energiewende

Access to the comments Kommentare
Von Hans von der Brelie
euronews_icons_loading
Wind des Wandels - Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen
Wind des Wandels - Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen   -   Copyright  Hans von der Brelie
Schriftgrösse Aa Aa

Kurz vor der Bundestagswahl hat die deutsche Wirtschaft von der Politik einen zügigen und zielgerichteten Umbau der Energie-Infrastruktur gefordert. Da vermehrt auf Erneuerbare Energien gesetzt werde, gelte es künftig, Versorgungsengpässe zu vermeiden, beispielsweise durch die Entwicklung von Wasserstofftechnologien und ein verbessertes Stromnetzmanagement.

Der BDI pocht auf Planungssicherheit - denn die Umstellung komplexer Produktionsabläufe geschieht nicht von heute auf morgen, insbesondere im Bereich der Schwerindustrie geht es um den Aufbau einer Energie-Infrastruktur, die flächendeckend funktioniert - und, Stichwort Wasserstoff, anschlußfähig an künftige Wasserstoffnetze der europäischen Nachbarstaaten ist. Man brauche schnell eine gemeinsame europäische Norm in diesem Bereich.

Wo bleiben die Super-Stromtrassen?

Andere Wirtschaftsverbände, beispielsweise aus Bayern, haben sich in den vergangen Tagen ebenfalls zu Wort gemeldet. Man erwarte ein deutlich höheres Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien und beim Bau neuer Stromleitungen. Die bereits seit Jahren diskutierten Super-Stromtrassen, mit denen Windenergie aus dem Norden Deutschlands in den energiehungrigen Süden gebracht werden soll, sollten endlich gebaut werden, und zwar "schnellstmöglich", wie es der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), Bertram Brossardt, formulierte. Deutschland brauche zudem mehr Photovoltaik, mehr Windkraft - und modernere Wasserkraftwerke.

Mehr Freiflächen-Solaranlagen?

Freiflächen-Solarparks, wie beispielsweise die Riesenanlage im Donaumoos im bayerischen Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, könnten eine der Hauptquellen für kostengünstigen grünen Strom werden. Es geht aber nicht nur um die Einspeisung in das Stromnetz, sondern auch um die Produktion von Wasserstoff, mit dem Industriebetriebe am Laufen gehalten werden können, auch dann, wenn einmal kein Wind weht und die Sonne nicht scheint.

Zwei Prozent Landesfläche für Sonne und Wind?

Euronews-Reporter Hans von der Brelie sprach mit Anumar-Geschäftsführer Andreas Klier, dem Betreiber des Solarparks Schornhof bei Schrobenhausen. Was wünschen Sie sich als Unternehmer von der kommenden Bundesregierung, von der Politik, wollten wir von Klier wissen. Seine Antwort: "Wir sind eine Industrienation, das heisst, wir brauchen große Kraftwerke, um eben die Verbraucher mit Solarstrom bedienen zu können, das heißt auf der Freifläche, das wird den bedeutendsten Anteil für den Ausbau von Erneuerbaren Energien, für Solarenergie haben. - Wenn jede Kommune zwei Prozent ihrer Freiflächen zur Verfügung stellt für Photovoltaik, dann werden wir die Energiewende erfolgreich umsetzen können."

Nicht genug grüner Strom für Industriebetriebe?

Der von Anumar produzierte grüne Sonnestrom wird von Daimler-Benz gekauft. Immer mehr deutsche Großkonzerne wollen ihre Energieversorgung umstellen. "Es vergeht keine Woche, in der ich nicht einen DAX-Konzern am Telefon habe, der verzweifelt nach grüner Energie sucht", meint Klier, der mit der Nachfrage kaum Schritt halten kann - und deshalb seinen Riesensolarpark im Donaumoos bald vergrößern möchte.

Immer noch Probleme mit den Netzen?

Bei Gesprächen mit Energie-Profis und Unternehmern überall in Deutschland steht das Thema Netze ziemlich weit oben auf der Politik-jetzt-seid-ihr-dran-Liste. Noch einmal Anumar-Geschäftsführer Andreas Klier: "Wir sehen, dass bei vielen Projekten die Netzzugänge zu lange dauern. Also muss hier der Gesetzgeber noch einmal klarere Rahmenbedingungen schaffen für die Betreiber von Photovoltaikanlagen, dass sie schneller ans Netz angeschlossen werden können."

Warum geht es nicht schneller?

Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem jüngsten Klima-Urteil Eile angemahnt bei Klimaschutz und Energiewende. Die amtierende Bundesregierung, schwarz wie rot, reagierte sofort mit einem neuen Klima-Gesetz: Jetzt soll Deutschland nicht erst 2050 klimaneutral wirtschaften... sondern bereits 2045. So weit, so schön - nur bei der Umsetzung des hehren Ziels sind sich die Parteien noch immer nicht einig, was sich jetzt auch im Bundestagswahlkampf zeigt.

Gewählt wird am 26. September. Zwar setzen alle großen Parteien auf Wind und Sonne - so steht es zumindest in den Wahlprogrammen. Doch der Teufel steckt oft in den Umsetzungsdetails. Soll es eine Solardachpflicht bei Neubauten geben und ab wann? Hier stellt sich beispielsweise die CDU/CSU quer, die lieber auf steuerliche Anreize zum Solardachbau setzt. Ganz heiß wird es beim Reizthema Kohleausstieg... die Koalitionsverhandlungen werden spannend...

Wann gibt es kürzere Genehmigungsfristen?

In anderen Bereichen sind hingegen fast wörtliche Überschneidungen zu konstatieren, beispielsweise wenn es um die Verkürzung der Genehmigungsfristen bei Windparks geht. Sowohl Scholz (SPD) wie auch Laschet (CDU) verwendeten im Wahlkampf die eingängige Forderungen, die Genehmigungsfristen für Windkraftanlagen von heute oft sechs Jahren auf künftig sechs Monate zu drücken.

Euronews sprach mit einer Reihe von Managern aus dem Energiebereich, auch mit Lobbyisten, Wissenschaftlern, Experten. Dabei schälte sich ein gewisser Konsens heraus: Genehmigungsbürokratie und eine Flut von Klagen haben den Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland in den vergangenen Jahren massiv verzögert. Das gilt insbesondere bei Windparks.

Simon Ruckinski leitet den Geschäftsbereich Erneuerbare Energien bei Green City AG. Verabredet sind wir auf der Dachterasse des deutschen Firmensitzes in München, gleich neben dem Circus Krone. Ein sonniger Windtag, Ruckinski ist zufrieden. Der jugendlich wirkende Ökostrom-Manager spricht frei, scheut sich auch nicht davor, den Finger auf die Wunde zu legen: "Fakt ist, wir sind bei teilweise dreijährigen Genehmigungsverfahren. Wir kämpfen damit, vollständige Unterlagen einzureichen. Wir fahren ganze Umzugskisten voll mit Genehmigungsanträgen in die Ämter. Wir brauchen in Deutschland eine bessere Digitalisierung. Wir brauchen eine Verschlankung. Wir brauchen eine zielgerichtete Genehmigungsverfahrenskette."

Was läuft schief bei den Flächennutzungsplänen?

Doch eine der Hauptsorgen, auch der Windmanager, bleibt die Flächenzuweisung. "Da schäme ich mich für Bayern", meint Ruckinski. Als großes Bundesland weise der Freistaat im Vergleich zu den anderen deutschen Regionen viel zu wenig Flächen für Erneuerbare Energieprojekte aus - obwohl es diese Flächen gäbe.

Zwei Prozent, das ist die Zahl, die immer häufiger in den Diskussionen auftaucht. Zwei Prozent der deutschen Freifläche sollte für Windkraftanlagen ausgewiesen werden, sagt beispielsweise Ruckinski. Auch Verbände, Unternehmer, Wissenschaftler und mittlerweile auch die Partei der Grünen operieren mit dieser Zahl.

Ist das überhaupt machbar?

Doch ist das durchzusetzen, auf dem Land, in den Dörfern, vor Ort, dort, wo die Menschen wohnen - und oft große Vorbehalte gegen Windkraftanlagen haben? Vielfach sorgen sich Menschen um visuelle Beinträchtigungen - und damit einhergehend Wertverluste ihrer Grundstücke. Oder sie haben Angst vor vermeintlichen Gefahren, die durch Infraschall ausgehen sollen. Die Vogelschützer machen mobil gegen Windkraft - und so manches Bürgerbeteiligungsmodell scheitert vor Ort, wenn die Windräder den Menschen zu nah kommen.

Doch die zentrale Frage dürfte wohl sein, ob ein hochkomplexes, föderal organisiertes Land wie die Bundesrepublik Deutschland überhaupt noch in der Lage ist, wegweisende, gewissermaßen radikale Infrastrukturentscheidungen - in diesem Fall im Bereich der Energiepolitik - zu fällen und anschließend auch umzusetzen?

Im Grunde geht es um ein klassisches Demokratieproblem: Wer entscheidet? Der Bürgermeister vor Ort? Der Landrat? Die Landesregierung? Die Bundesregierung? Angesichts der nur in Bayern eingeführten 10-H-Abstandsregel für Windkrafträder von Wohnbebauung, die nach 2014 den Windausbau in Bayern zum Erliegen brachte, werden Forderungen von Unternehmern lauter, derartige Planungsbefugnisse doch besser wieder auf bundesstaatlicher Ebene anzusiedeln. Aber könnte die neue Bundesregierung nach den Wahlen eine derartige Neuordnung der Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern tatsächlich gegen starke Landesregierungen durchsetzen, insbesondere in solch hochsensiblen Politikfeldern wie Baurecht, Raum- und Flächenplanung?

Vor der Wahl ist es spannend - nach der Wahl wird es noch spannender, das steht schon einmal fest.

(Beitrag teils mit Material von @Sina Scherer erstellt)

Journalist • Hans von der Brelie

Weitere Quellen • @Sina Scherer