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Kritik am Krieg in der Ukraine in Russlands Staats-TV: "Sie haben uns reingelegt"

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Von Euronews  mit AFP
Von Russlands Truppen zurückgelassener Panzer bei Isjum in der Region Charkiw
Von Russlands Truppen zurückgelassener Panzer bei Isjum in der Region Charkiw   -   Copyright  JUAN BARRETO/AFP

Den Rückzug aus den von der Ukraine zurückeroberten Gebieten bezeichnet das Verteidigungsministerium in Moskau offiziell als "Umgruppierung". Doch auch in Russland wird inzwischen über die Verluste der russischen Truppen debattiert - sogar im Staatsfernsehen (Video-Ausschnitte weiter unten). Und die Talkshow-Gäste benutzen das Wort "Krieg", das in Russland eigentlich nicht für die "Spezialoperation" in der Ukraine benutzt werden darf.

"Unmöglich, mit den eingesetzten Ressourcen gegen die Ukraine zu gewinnen"

In einer Diskussionsrunde im staatlichen Sender NTV sagt der liberale Oppositionspolitiker Boris Nadezhdin am Samstagabend : "Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir verstehen müssen: Es ist absolut unmöglich, mit den Ressourcen, die wir gerade einsetzen, gegen die Ukraine zu gewinnen." Die Armee der Ukraine sei stark, weil sie von den mächtigsten Ländern unterstützt werde.

Nadezhdin ist eine ehemaliger Duma-Abgeordneter, der einst mit dem 2015 ermordeten Boris Nemzow zusammengearbeitet hat. Doch der Kritiker macht nicht den russischen Präsidenten, sondern dessen Berater für die Lage verantwortlich.

Boris Nadezhdin meint, jemand müsse Wladimir Putin vor dem Einmarsch gesagt haben, dass sich die Ukraine ergeben werde. "Die Leute, die Putin davon überzeugt haben, dass die Spezialoperation schnell und effizient sei, dass wir die zivile Bevölkerung nicht angreifen würden, dass wir dort hineingehen und unsere nationale Garde alles regeln würde – diese Leute haben uns alle reingelegt."

Der Carnegie-Experte Andrei Kolesnikov erklärt, erstaunlich sei nicht, was der pro-westliche Politiker Nadezhdin sage, sondern dass es im russischen Staats-TV gesendet werde In der Talkshow. Ein anderer Diskussionsteilnehmer sagt auch in der Sendung zu Nadezhdin, er solle auf seine Sprache aufpassen.

Der Guardian-Reporter Shaun Walker fragt sich, ob Nadezhdin - weil er unbequeme Wahrheiten ausspreche - demnächst festgenommen werden könnte. Andere Twitter-User meinen, Nadezhdin solle von hohen Fenstern wegbleiben.

Der liberale Oppositionspolitiker plädiert für Friedensverhandlungen - doch da widerspricht ihm der nationalistische Abgeordnete Sergei Mironow. Mit Selenskyjs "Nazi-Regime" werde es keine Gespräche geben, dieses System müsse zerstört werden.

Doch auch Kriegsbefürworter Mironow übt inzwischen Kritik, er beklagte, dass in Moskau der Jahrestag der Stadt gefeiert wurde, während "unsere Jungs" in der Ukraine sterben.

"Blame game" hat begonnen: Wer ist Schuld am Versagen der russischen Armee?

Russland-Expertin Julia Davis schreibt zu der Debatte, das "blame game" in Russland habe begonnen: "Das Leben kommt schnell auf einen zu. Die Experten im russischen Fernsehen erkennen, dass ihr Militär versagt und ihr Land in Schwierigkeiten steckt. Sie beginnen, die Schuldfrage zu stellen. Einige von ihnen verstehen endlich, dass ihre völkermörderische Leugnung der ukrainischen Identität nicht zu Russlands Gunsten wirkt."

In den sozialen Netzwerken werden derzeit auch Videos geteilt, die zeigen sollen, wie russische Truppen in der Region Luhansk sehr schnell fliehen. 

In der Region um die Stadt Isjum haben die russischen Truppen viele Panzer zurückgelassen - und die ukrainische Armee bedankt sich ironisch für die "Geschenke".

Und wieder gibt es - wie zu Beginn des Krieges - Videos von ukrainischen Traktoren und anderen landwirtschaftlichen Geräten, die zurückgelassene russische Panzer abtransportieren. Nach einer "Umgruppierung" russischer Truppen sieht das gar nicht aus.