Handel mit ukrainischen Mädchen: Warum ist das Risiko für sie in manchen Ländern größer?

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Von Alexandra Leistner
Eine Frau steht an einer Metrostation am Maidan-Platz in Kiew, 20. Dezember 2022.
Eine Frau steht an einer Metrostation am Maidan-Platz in Kiew, 20. Dezember 2022.   -   Copyright  Felipe Dana/AP

Das Prinzip von Angebot und Nachfrage bezieht sich bekanntlich nicht nur auf legale Märkte, auch und vor allem illegale Geschäfte funktionieren nach diesem Prinzip. Die Nachfrage war es auch, die bei Ermittler:innen des OSZE Büros der Sonderbeauftragten und Koordinatorin für die Bekämpfung des Menschenhandels die Alarmglocken schrillen ließ: Kurz nach dem Krieg in der Ukraine stellten sie einen explosionsartigen Anstieg bei Online-Suchanfragen bezüglich sexueller Inhalte im Zusammenhang mit ukrainischen Frauen und Mädchen fest.

Je nach Land stiegen entsprechende Suchen nach Schlagwörtern wie "Escort", "Porno" oder "Vergewaltigung" mit dem Zusatz "Ukrainisch" um 200 bis 600 %.

In Schweden, wo der Erwerb sexueller Dienstleistungen verboten ist und daher genaue Daten gesammelt werden, suchten in den ersten Monaten des Ukraine-Kriegs 30 von 38 Männern speziell nach ukrainischen Frauen.

Soweit die Nachfrage-Seite, die Andrea Salvoni, stellvertretender Koordinator der OSZE für die Bekämpfung von Menschenhandel als "toxische und riskante Ausgangslage" beschreibt.

Zu dieser Zeit verließen mehr und mehr Menschen aus der Ukraine ihre Heimat, um im Ausland Zuflucht zu suchen. In Ländern, in denen sie meist die Sprache nicht beherrschen, wenig oder keine sozialen Kontakte haben und zum großen Teil auf staatliche Hilfen für Wohnung und Einkommen angewiesen sind. 90 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder.

Zeitgleich fanden Salvoni und seine Kolleg:innen in Facebook-Gruppen und Telegram-Chats, in denen sich Menschen über Fluchtoptionen aus der Ukraine informieren oder austauschen, immer häufiger "dubiose Jobangebote", in denen Ukrainerinnen die Chance auf einen 'einfachen' Verdienst in Aussicht gestellt wird - etwa durch das "Begleiten" von Kunden. 

"Be-safe"-Kampagne soll Aufklären

Um Ukrainerinnen auf die Gefahren in Bezug auf Menschenhändler aufmerksam zu machen, rief die OSZE eine Internetseite mit Informationen zu Risiken, klassischen 'Fallen' und einer Zusammenstellung von Hotlines ins Leben.

"Es gibt Anzeichen dafür, dass Ukrainerinnen auf der Suche nach Arbeit und Wohnraum in den Aufnahmeländern sexuell ausgebeutet oder zur Zwangsarbeit gezwungen werden", wird dort gewarnt - auf Englisch, Ukrainisch und Russisch.

Menschen, die aus der Ukraine fliehen, wird unter anderem geraten, Ausweispapiere in der App der ukrainischen Regierung DIYA hochzuladen, nie alleine mit fremden Menschen mitzugehen, Hilfe nur von offizieller Seite anzunehmen und für besonders gefährliche Situationen ein Codewort mit Angehörigen zu vereinbaren.

Eine kriminielle und eine nicht-kriminelle Aktivität sehen von außen betrachtet gleich aus.
Andrea Salvoni
Stellvertretender Koordinator der OSZE für die Bekämpfung von Menschenhandel

Gleichzeitig versuchen Salvoni und sein Team, Einfluss auf die Politik in OSZE-Ländern zu nehmen, um Männer davon abzuhalten, nach sexuellen Dienstleistungen zu suchen oder sie in Anspruch zu nehmen.

"Wenn morgen alle Männer aufhören, Sex zu kaufen, dann gäbe es das Problem nicht", so Salvoni.

Wo sind Frauen besonders gefährdet?

"Wenn Sie ein Menschenhändler wären, würden sie dann eher in einem Land operieren, in dem Sexkauf legal ist, der Markt dementsprechend größer ist und sie mehr Geld machen können? Oder in einem Land, in dem der Erwerb sexueller Dienstleistungen unter Strafe steht und die soziale Norm womöglich anders aussieht?", fragt Salvoni auf die Frage, ob bestimmte Länder eine größere Gefahr darstellen für Ukrainerinnen als andere.

Deutschland ist eines der liberalsten Länder in Bezug auf Sexkauf. Nur die wenigsten Fälle von Menschenhandel werden strafrechtlich verfolgt. Das Problem in diesen Ländern, so Salvoni: "Eine kriminielle und eine nicht-kriminelle Aktivität sehen von außen betrachtet gleich aus".

Deswegen kommt auch die überwältigende Mehrheit von Menschenhändlern straffrei davon.  Nur weniger als ein Prozent der Opfer werde identifiziert, schätzt die OSZE. 

Was als "nordisches Modell" bekannt ist, wo unter anderem der Kauf von Sex kriminalisiert ist und nicht Prostituierte bestraft werden, führe dagegen zu einer erheblich leichteren Strafverfolgung von Menschenhändlern und ihrer Klientel. 

In vielen EU-Ländern sehe man so langsam eine Umkehr. Deutschland habe seine Gesetze leicht verbessert, auch Irland und sogar die Niederlande - wo es zuvor absolut keine Regulierung gab - sehe man eine einen positiven Trend. 

Spaniens neue Herangehensweise, die er eine Art "Gender-Pact" nennt, wo Zustimmung zu Sex und somit Vergewaltigung neu definiert wird, zeige dieses Umdenken beispielhaft. Die Länder merkten, "dass die alte Laissez-Faire-Methode nicht funktioniert", so Salvoni. 

Doch der OSZE-Ermittler weiß auch, dass es "politischen Mut" braucht, bestehende Gesetze zu verändern. In vielen Ländern gebe es einen bedeutenden Teil der Gesellschaft, der der Meinung ist, Sexarbeit sollte entkriminalisiert sein. Und um den kulturellen Wandel herbeizuführen, müsse man auch bei der Bildung jünger Männer ansetzen: "Männer haben immer die Wahl".