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"Unsere Kinder werden durch die Hölle gehen": Warum dieser Schweizer Vater 39 Tage hungerte

Guillermo Fernandez im Hungerstreik
Guillermo Fernandez im Hungerstreik   -   Copyright  PapaOnHungerStrike
Von Rosie Frost

Am 9. August feierte die Tochter von Guillermo Fernandez ihren 13. Geburtstag. Es war der gleiche Tag, an dem der Weltklimarat IPCC seinen jüngsten Bericht zum Klimawandel veröffentlichte.

Nach eigener Aussage war es der Moment, in dem Fernandez klar wurde, dass die Zukunft seiner Tochter wie die Hölle aussehen würde.

"Mir fiel auf, dass all diese Zahlen und Werte, die ich irgendwie immer nicht an mich herangelassen hatte, plötzlich zur Verzweiflung in den Augen meiner Tochter wurden, wenn sie 23 Jahre alt sein würde", so Fernandez gegenüber Euronews Green.

"Als liebender Vater konnte ich nicht akzeptieren, dass ich das durchgehen lasse, ohne alles zu tun, was ich tun kann, um es zu verhindern."

Am 1. November kündigte der 47-jährige Vater von drei Kindern seinen Job in der IT-Branche und setzte sich auf den Bundesplatz in Bern, um einen Hungerstreik zu beginnen.

Ehrlich gesagt war ich nie ein Aktivist oder militant. Aber ich fühlte mich so allein, dass ich herausfinden wollte, was ich aus eigenem Antrieb tun kann.
Guillermo Fernandez
Vater von drei Kindern, Schweiz

Mit seinem Protest forderte Fernandez das Schweizer Parlament auf, sich über die wissenschaftlichen Fakten des Klima- und Umweltnotstands zu informieren. Er sei bereit gewesen zu sterben, damit die Politik die Krise ernst nimmt.

"Ehrlich gesagt war ich nie ein Aktivist oder militant. Aber ich fühlte mich so allein, dass ich herausfinden wollte, was ich aus eigenem Antrieb tun kann."

Überwältigende Unterstützung von allen Seiten

Es dauerte nicht lange, bis sich Hunderte von Menschen zur Unterstützung des Hungerstreiks einfanden - darunter auch Experten des IPCC selbst und des IPBES, der Zwischenstaatliche Plattform für Biodiversität und Ökosystem-Dienstleistungen.

"Eigentlich war es ein ganz erstaunlicher und magischer Moment. Vom ersten Tag an kamen die Leute mit Decken und heißem Tee und fragten immer, was ich brauchte und wie sie helfen könnten", erklärt Fernandez.

Viele brachten ihre eigenen Sorgen über die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder mit und teilten die Erkenntnis, dass sie mit ihren Ängsten nicht allein waren. Andere halfen ihm bei der Organisation und boten ihm einen warmen Schlafplatz in der Nähe des Parlamentsplatzes in Bern an.

PapaOnHungerStrike
Passanten unterstützen Fernandez bei seinem Hungerstreik mit einer MahnwachePapaOnHungerStrike

Am 29. November schickten 26 Klimaforscher aus der Schweiz, darunter auch Autor:innen des IPCC-Berichts, einen Brief an das Parlament, in dem sie Fernandez' Forderungen unterstützten und sofort anboten, eine Schulung zu organisieren.

"Die Schweizer Klimapolitik ist zugegebenermaßen ungenügend und nicht im Einklang mit dem langfristigen Temperaturziel, das mit der Ratifizierung des Pariser Abkommens vereinbart wurde, und Guillermo Fernandez befindet sich bereits in der fünften Woche seines Hungerstreiks", schrieben sie.

Fernandez sagt, er verdanke diesen Menschen sein Überleben: "Wenn ich daran denke, ist alles ein Wunder, denn all diese kleinen Dinge haben dazu geführt, dass ich die Geschichte überlebt habe."

"Es wurde mir klar, dass sie mich sterben lassen würde"

Am 17. Tag seines Streiks besuchte Bundesrätin Simonetta Sommaruga Fernandez - die Politikerin, an die er sein Anliegen gerichtet hatte. Sie tranken gemeinsam eine Tasse Tee, und er sagt inzwischen, dass dies der einzig beängstigende Moment während der ganzen Zeit gewesen sei.

Die Bundesrätin erzählte Fernandez, dass sie sich in einer Sackgasse befunden habe - es sei schwierig gewesen, bei der COP26 in Glasgow zu verhandeln. Sommaruga erinnerte daran, dass ein kürzlich verabschiedetes Gesetz zur Besteuerung von Kohlendioxidemissionen im Land gescheitert war, und fügte hinzu, sie wolle mit allen künftigen Maßnahmen zufrieden sein. Auch wenn diese "nicht ausreichen, um unsere Ziele zu erreichen".

Mei Fa Tan/Papaonhungerstrike
Fernandez spricht im Hungerstreik mit Bundesrätin Simonetta SommarugaMei Fa Tan/Papaonhungerstrike

Die Begegnung mit Sommaruga bereitete Fernandez Bauchschmerzen.

"Am Tag danach wurde mir klar, dass sie mich sterben lassen würde. Es war ihr völlig egal. Und das war eine beängstigende Erkenntnis."

Aber die Reaktion war nicht nur enttäuschend. Eine Gruppe Politikerinnen, sagt Fernandez, liegt ihm sehr am Herzen. Diese hätten sich parteiübergreifend für ihn eingesetzt.

"Das hat meine Sicht auf die Politik wirklich verändert", so Fernandez weiter. Die Frauen seien zu ihm gekommen und hätten gesagt: "Ich habe Kinder, ich mache mir Sorgen, ich möchte etwas tun."

"Ich will hier keine Gender-Spielchen machen. Aber faktisch ist es genau das, was passiert. Es ist so seltsam."

Ein Erfolg - aber die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende

Am vergangenen Donnerstag verkündete Fernandez einen "Sieg", nachdem die Abgeordneten zugestimmt hatten, von führenden Wissenschaftler:innen über die neuesten Forschungsergebnisse zum Klimawandel informiert zu werden.

Nach 39 Tagen hatte er 20 Kilogramm abgenommen und beendete seinen Streik, indem er vor dem Parlamentsgebäude eine Banane aß.

Am 2. Mai 2022 sind alle Schweizer Parlamentarier:innen zu einer Präsentation der wissenschaftlichen Fakten zum Klimawandel eingeladen. Zwar kann keiner von ihnen zur Teilnahme gezwungen werden, aber die Menschen, die sie wählen, können so sehen, wer sich um die Zukunft des Planeten kümmert.

Diejenigen, die kommen und nicht handeln, können dann auch zur Rechenschaft gezogen werden, meint Fernandez, und weiter: "Unsere Kinder werden durch die Hölle gehen, wenn wir nichts tun", sagt er, "und selbst wenn wir etwas tun, wird es hart werden."

Unsere Kinder werden durch die Hölle gehen, wenn wir nichts tun, und selbst wenn wir etwas tun, wird es hart werden.
Guillermo Fernandez
Vater von drei Kindern, Schweiz

Diejenigen, die sich um den Hungerstreik versammelt haben, stehen bereits in Kontakt mit Politiker:innen in der ganzen Schweiz und wollen Gespräche darüber aufnehmen, wie sie die Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise beschleunigen können.

Nach der massiven Unterstützung, die Fernandez erfahren hat, hofft er, dass die Stimmen derjenigen, die etwas unternehmen wollen, in diesen Gesprächen wieder besser gehört werden.

"Nachdem ich gesehen habe, wie sich Parlamentarier für Lösungen einsetzen können, die von zynischen und - aus meiner Sicht - nutzlosen Menschen blockiert werden", schließt er, "ist es interessant, gemeinsam darüber zu diskutieren, wie wir diese Blockaden lösen können, damit es vorwärts geht."