Olympia-Gastgeber Italien hat seit Ende der fünfziger Jahre über 200 Quadratkilometer Gletscherfläche eingebüßt – ein dramatischer Schwund.
Die US-Skirennläuferinnen Lindsey Vonn und Mikaela Shiffrin sowie die Italienerin Federica Brignone gehören zu den vielen Athletinnen und Athleten, die sich bei diesen Olympischen Spielen besorgt über das sich beschleunigende Abschmelzen der Gletscher weltweit geäußert haben.
Und Cortina als Austragungsort der Olympischen Spiele ist ein passender Ort, um über den Klimawandel zu sprechen: Früher von der Stadt aus sichtbare Gletscher sind dramatisch geschrumpft. Viele sind nur noch kleine Gletscher oder Rest-Eisfelder in großer Höhe zwischen den gezackten Gipfeln der Dolomiten. Wer heute einen größeren Gletscher sehen will, muss eine lange Fahrt über kurvige Bergstraßen zur Marmolada auf sich nehmen. Auch sie schmilzt rasant.
Die besten Skifahrerinnen und Skifahrer der Welt trainieren auf Gletschern, weil dort besonders hochwertiger Schnee liegt, und eine sich erwärmende Welt stellt die Zukunft ihres Sports infrage. Vonn stand mit neun Jahren in Österreich zum ersten Mal auf Gletschern.
„Die meisten Gletscher, auf denen ich früher gefahren bin, sind so gut wie verschwunden“, sagte die 41-jährige Vonn bei einer Pressekonferenz vor dem Rennen in Cortina, bevor sie in der Olympiaabfahrt stürzte. „Das ist für uns sehr real und auf den ersten Blick sichtbar.“
Als Athletinnen im Schneesport, sagte Shiffrin, hätten sie „einen Platz in der ersten Reihe“, wenn es um die gewaltigen Veränderungen hoch oben auf einigen der höchsten und kältesten Gipfel der Welt geht.
„Das liegt uns sehr am Herzen, denn es ist das Herz und die Seele dessen, was wir tun“, sagte Shiffrin nach ihrem Rennen am Sonntag der Nachrichtenagentur AP. „Ich möchte wirklich, wirklich gern glauben und hoffe, dass es mit starken Stimmen und mit größeren politischen Veränderungen in Unternehmen und Regierungen noch Hoffnung auf eine Zukunft unseres Sports gibt. Aber im Moment ist das ein wenig fraglich.“
Die Gletscher Italiens verschwinden
Die italienische Glaziologin Antonella Senese sagt, Italien habe seit Ende der fünfziger Jahre mehr als zweihundert Quadratkilometer Gletscherfläche verloren.
„Wir beobachten einen kontinuierlichen und ununterbrochenen Rückgang von Gletscherfläche und -volumen. In den vergangenen ein bis zwei Jahrzehnten hat sich dieser Schwund deutlich beschleunigt“, sagte Senese, außerordentliche Professorin für Physische Geografie am Fachbereich Umweltwissenschaften und -politik der Universität Mailand, in einem Interview.
In den Bergen rund um Cortina d’Ampezzo liegen Gletscher an den Hängen der Cristallo- und Sorapiss-Gruppe. Das Neue Italienische Gletscherkataster (Quelle auf Englisch) aus dem Jahr 2015 ergab, dass diese Gletscher seit der Erhebung von 1959 bis 1962 um etwa ein Drittel geschrumpft sind.
Kurz nachdem sie am Sonntag bei ihren Heim-Winterspielen ihre zweite Goldmedaille gewonnen hatte, sagte Brignone der AP, Skifahren sei heute „völlig anders“ als in ihrer Jugend. Sie lebt im Aostatal, rund sechs Stunden entfernt.
Wenn sie sieht, wie sich die Gletscher immer weiter in größere Höhen zurückziehen, denkt Brignone nach eigenen Worten nicht an die Zukunft des Skisports, sondern an die Zukunft des Planeten.
„Dort haben wir viele Gletscher, aber sie wandern immer weiter nach oben, jedes Jahr ein bisschen mehr“, sagte sie der AP.
Doch viele Menschen, die selten in die Berge kommen, wissen kaum, was auf dem Spiel steht. Deshalb hat die Universität Innsbruck das Goodbye-Glaciers-Projekt (Quelle auf Englisch) ins Leben gerufen. Der Verlust der Gletscher hat weitreichende Folgen: Er bedroht Wasserquellen, erhöht die Gefahren in den Bergen und trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei.
Das Projekt zeigt, wie sich bei verschiedenen Erwärmungsstufen die Eismenge ausgewählter Gletscher weltweit verändert. Aufgenommen werden nur Gletscher, deren Volumen im Jahr 2020 auf mindestens 0,01 Kubikkilometer geschätzt wird. Die Gletscher am Cristallo und am Sorapiss erfüllen diese Schwelle nicht mehr, sagt Patrick Schmitt, Doktorand an der Universität Innsbruck.
Gletscher erhalten
Rund fünfzig Kilometer von Cortina entfernt liegt der Marmolada-Gletscher, einer der größten Gletscher Italiens und der größte in den Dolomiten. Im Juli 2022 brach ein wohnhausgroßes Stück des Gletschers ab, löste eine Schuttlawine aus und tötete elf Wanderer. Der Berg ist im Sommer ein beliebtes Wanderziel und im Winter ein viel befahrenes Skigebiet.
Die Universität Padua erklärte 2023 (Quelle auf Englisch), dass der Gletscher innerhalb von fünfundzwanzig Jahren auf etwa die Hälfte seiner ursprünglichen Größe geschrumpft sei.
Nach Berechnungen des Goodbye-Glaciers-Projekts wird er bis 2034 größtenteils verschwunden sein, falls sich die Erde um 2,7 Grad Celsius erwärmt. Wird die Erwärmung dagegen auf 1,5 Grad begrenzt – das internationale Ziel –, könnte der Gletscher rund sechs Jahre länger bestehen, und etwa einhundert Gletscher in den Alpen könnten gerettet werden, sagt Schmitt.
„Eine deutliche Reduzierung der Treibhausgasemissionen jetzt wird den künftigen Eisverlust verringern und die Auswirkungen auf Menschen und Natur abmildern“, schrieb Schmitt in einer E-Mail. „Die Entscheidungen, die wir in diesem Jahrzehnt treffen, bestimmen, wie viel Eis in den Dolomiten, in den gesamten Alpen und weltweit erhalten bleibt.“
Weltweit sind seit dem Jahr 2000 mehr als 6,5 Billionen Tonnen Eis verloren gegangen, wie eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt. Die möglichen Folgen des Klimawandels für den olympischen Wintersport sind enorm: Die Liste der Orte, die noch Winterspiele ausrichten könnten, dürfte in den kommenden Jahren deutlich kürzer werden.
Nicht nur Vonn, Shiffrin und Brignone machen sich Sorgen – viele Olympia-Skirennläuferinnen und -läufer sind alarmiert.
In Cortina sagte Noa Szollos, die für Israel startet, in einem Interview, der Zustand der Gletscher in der Umgebung spiegele die Situation der Gletscher weltweit wider.
„Ich hoffe, dass wir etwas dagegen tun können“, sagte sie, „aber es ist eine schwierige Zeit.“
Silja Koskinen aus Finnland sagte in einem Interview, sie könne auf einigen Gletschern, auf denen sie früher trainiert habe, nicht mehr üben, weil dort Spalten, Felsen und fließendes Wasser die Pisten durchziehen. Die US-Amerikanerin AJ Hurt vom Team USA erzählte, sie beginne die Saison im Oktober auf den Gletschern von Sölden in Österreich.
„Jedes Jahr habe ich das Gefühl, dass wir kommen und ein bisschen weniger Schnee vorfinden. Und jedes Mal fragen wir uns: Fangen wir wirklich schon im Oktober an? Hier liegt doch gar kein Schnee“, sagte Hurt der AP. „Das ist wirklich traurig, und in diesem Sport kann man es kaum ignorieren, weil wir ständig von alldem umgeben sind und es so offensichtlich ist.“
Der norwegische Skifahrer Nikolai Schirmer führt eine Initiative an, die Unternehmen der fossilen Energiebranche als Sponsoren des Wintersports stoppen will. Die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas ist mit Abstand der größte Treiber des weltweiten Klimawandels.
Im italienischen Bormio sagte der US-Skirennläufer River Radamus, Athletinnen und Athleten – als Hüterinnen und Hüter der Wintersportarten im Freien – sollten beim Schutz der Umwelt an vorderster Front stehen.
„Uns ist immer bewusst, dass wir auf einem gefährlichen Kurs sind, wenn wir nicht das Richtige tun“, sagte Radamus.