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Verfügt die EU über genügend Lithium, um Erdöl zu ersetzen?

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Von euronews Brüssel
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Europa will sich von fossilen Brennstoffen lösen und seine Abhängigkeit von russischer Energie beenden. Dies wird nicht nur Verbrauchergewohnheiten grundlegend ändern, sondern eine Menge Lithium erfordern. Auf dem alten Kontinent ist dieses Metall Mangelware, die schöne neue Welt ohne Erdöl führt direkt in die nächste Abhängigkeit – die vom Lithium.

Die europäischen Staats- und Regierungschefs betonen die Vorteile des "New Green Deal": Der sieht vor, dass die EU bis 2050 die erste kohlenstoffneutrale Staatengemeinschaft sein soll. Dafür will Brüssel die Treibhausgasemissionen bis 2030 im Vergleich zu den 1990er Jahren um 55 % senken, die Emissionen von Neuwagen bis 2035 auf Null reduzieren und den Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix der EU auf 40% erhöhen.

Europa braucht Lithium

Ohne Lithium gibt es keine Batterien für elektronische Geräte von Smartphones über Fernseher bis hin zu Elektroautos. Ohne Lithium kann die Energie aus Sonnenkollektoren und Windturbinen nicht gespeichert werden.

Laut der Weltbank müsste die Produktion von Mineralien wie Graphit, Lithium und Kobalt bis 2050 um fast 500 % gesteigert werden, um die Klimaziele zu erreichen. EU-Beamte schätzen, dass die EU bis 2030 18-mal und bis 2050 fast 60-mal mehr Lithium braucht, um die Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts zu erreichen.

Strategische Autonomie

Europas einzige Lithiummine liegt in Portugal, der überwiegende Teil des Bedarfs wird durch Importe gedeckt. Etwa 87 % des Roh-Lithiums kommen aus Australien, den Rest liefert Portugal. Chile, die USA und Russland decken mit 78 %, 8 % bzw. 4 % den Weltmarkt ab.

China ist besonders aktiv in der Förderung: Obwohl das Land über schätzungsweise 7% der weltweiten Lithiumreserven verfügt, wurden 13% des 2019 geförderten Lithiums in China gewonnen, und mehr als die Hälfte davon wurde im Land verarbeitet. Mehr als 70 % der Lithium-Ionen-Batterien stammen aus China.

Europa muss die Versorgung sichern

Brüssel ist sich dieser Abhängigkeit bewusst und hat Lithium im Jahr 2020 auf die Liste der kritischen Rohstoffe gesetzt.

Ein Sprecher der Kommission räumte gegenüber Euronews ein, dass "die Produktion und Raffination von Lithium stark auf eine Handvoll ausländischer Länder konzentriert ist, was unsere Anfälligkeit für verschiedene Versorgungsrisiken erhöht."

"Angesichts der wirtschaftlichen und technologischen Bedeutung dieser Ressource sowie der externen Abhängigkeiten, die sie hervorruft, liegt es in unserer Verantwortung, sicherzustellen, dass die europäische Wirtschaft von einer nachhaltigen und sicheren Versorgung mit Lithium profitieren kann."

"Obwohl die EU weiterhin ihre internationalen Partnerschaften pflegen wird, besteht innerhalb unserer Grenzen ein erhebliches Potenzial für die Lithiumgewinnung, dessen Nutzung Tausende von Arbeitsplätzen schaffen könnte. Die Entwicklung lokaler Lithiumabbau- und -verarbeitungsbetriebe wird nicht nur unsere strategische Autonomie erhöhen und unsere Wirtschaft stärken, sondern auch eine bessere Überwachung und Eindämmung der Umweltauswirkungen der Bergbauindustrie ermöglichen, die jenseits der EU-Grenzen weitaus schwieriger zu kontrollieren sind", hieß es.

Widerstand gegen Lithium-Minen in Europa

Zurzeit gibt es in der EU zehn potenziell realisierbare Lithiumprojekte: Drei in Portugal, je zwei in Spanien und Deutschland und die restlichen drei in der Tschechischen Republik, Finnland und Österreich.

Für Rene Kleijn, außerordentlicher Professor am Institut für Umweltwissenschaften (CML) an der Universität Leiden, "würde es wahrscheinlich für unsere eigene Versorgung reichen, wenn alle diese Anlagen in Betrieb genommen würden".

Problem gelöst? Nun ja, nicht ganz…

Es wird nicht unbedingt einfach werden, all diese Projekte auf den Weg zu bringen. Ein 2,2-Milliarden-Euro-Projekt für eine Lithiummine in Serbien wurde Anfang des Jahres nach heftigem Widerstand der Bevölkerung wegen Umweltbedenken auf Eis gelegt. Auch in Portugal gibt es heftigen Widerstand gegen den Lithiumabbau.

Lithium wird hauptsächlich auf zwei Arten abgebaut: Zum einen traditionell im Tagebau aus hartem Gestein, zum anderen werden riesige Mengen an Tiefenwasser an die Oberfläche gepumpt, um das Lithium durch Verdampfung aus der Sole zu gewinnen.

Problematische Produktion

Beide Verfahren beeinträchtigen die Umwelt und die Lebensqualität der örtlichen Bevölkerung, sie bergen die Gefahr der Luft- und Wasserverschmutzung. Die Verwendung von Wasser zur Lithiumgewinnung ist auch deshalb umstritten, weil es in einigen Gebieten wegen des Klimawandels immer knapper wird. Weite Teile Portugals und Spaniens haben beispielsweise unter einer winterlichen Dürre gelitten, die dazu führte, dass die Wasserreservoirs fast erschöpft waren.

Allerdings gibt es eine dritte, umweltfreundlichere Art der Lithiumgewinnung, die so genannte direkte Lithiumextraktion, die bei dem potenziellen Projekt in Deutschland eingesetzt werden soll. Dabei wird geothermische Energie genutzt, um die Sole an die Oberfläche zu pumpen und das Lithium zu extrahieren, um es dann in ein unterirdisches, geothermische Reservoir zurück zu pumpen. Der Abbau ist aber nur der Anfang eines komplexen Prozesses. Nach der Gewinnung muss das Lithium raffiniert, zu Batterien verarbeitet und schließlich recycelt werden.

Recycling ist die eigentliche Stärke von Lithium

"Eine der größten Quellen für Umweltverschmutzung und CO2-Emissionen in Europa ist der Straßenverkehr", so Julia Poliscanova, Leiterin der Abteilung Fahrzeuge und E-Mobilität bei Transport & Environment, einer Kampagnengruppe für sauberen Verkehr, gegenüber Euronews.

Mobilität verursacht etwa ein Viertel der Gesamtemissionen der EU, wobei der Straßenverkehr für etwa 70 % dieser Emissionen verantwortlich ist.

"Der beste Weg zur Dekarbonisierung eines der größten Klimaprobleme ist die Elektrifizierung, und dafür brauchen wir Batterien, also brauchen wir Lithium.“

"Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass jeder Abbau, jede Rohstoffgewinnung, ob Öl, Nickel, Lithium oder Gas, mit Auswirkungen verbunden ist. Bei Lithium sind die Auswirkungen pro Auto deutlich geringer. Wenn Sie ein Auto haben, verbrauchen Sie 17.000 Liter Öl über die gesamte Nutzungsdauer des Autos", so Poliscanova.

"Für die Batterie eines Elektrofahrzeuges braucht man etwa fünf oder sechs Kilogramm Lithium, das man recyceln und immer wieder verwenden kann. Man muss es nur in die ersten Batterien einbringen, und nach einiger Zeit kann daraus ein Kreislauf werden. Die Auswirkungen von Lithium sind also wesentlich geringer als die Auswirkungen von Öl".

Europa recycelt nicht

Was ökologisch Sinn macht, wird aber nicht zwangsläufig umgesetzt. Beim Lifecyclemanagement des Lithiums hinkt Europa hinterher.

Die europäische Batterierichtlinie stammt aus dem Jahr 2006, bevor Lithium-Ionen-Batterien zur Bekämpfung des Klimawandels an Bedeutung gewannen. Der eher lauwarme Ansatz der Richtline enthielt daher keine Zielvorgaben für das Recycling von Lithium. Heute wird in der EU fast kein Lithium zurückgewonnen, während die Recyclingeffizienz für Kobalt und Nickel auf etwa 95 % und für Kupfer auf 80 % geschätzt wird.

"Wir hätten das schon viel früher erkennen können. In den USA haben wir beispielsweise eine Politik, die im Grunde noch aus den Zeiten des Kalten Krieges stammt und die jetzt von Präsident Biden umgesetzt wird, um die Lieferketten für Batterien und Elektrofahrzeuge zu sichern", so Kleijn.

USA: Staatliche Eingriffe zur Absicherung der Industrie

Washingtons Defence Production Act erlaubt es dem Weißen Haus, in Krisenzeiten die Kontrolle über die heimische Industrie zu übernehmen. Donald Trump nutzte es zu Beginn der Pandemie, um die Ausfuhr von medizinischen Gütern zu begrenzen, Joe Biden, um die Impfung zu beschleunigen.

Biden hat sich nun erneut darauf berufen, "um die amerikanische Produktion kritischer Materialien zu sichern, die unsere saubere Energiewirtschaft stärken, indem wir unsere Abhängigkeit von China und anderen Ländern bei den Mineralien und Materialien, die unsere saubere Energiezukunft vorantreiben werden, verringern". Dazu zählt Lithium, Nickel, Kobalt, Graphit und Mangan.

"Das ist wirklich eine knallharte Einmischung des Staates in die Märkte, um sicherzustellen, dass Ihre Industrien produzieren und nicht von autokratischen oder anderen Staaten abhängig sind, von denen sie nicht abhängig sein wollen. Und das ist nicht die Art von Politik, für die Europa bekannt ist", argumentiert Kleijn.

China sichert sich weltweit Reserven

"Und dabei ich spreche nicht einmal von China. In China ist alles in staatlicher Hand. Große staatliche Bergbauunternehmen sind überall auf der Welt an der Förderung all dieser Materialien beteiligt, sei es Kobalt in Afrika oder Lithium in Australien. Der größte australische Bergbaukonzern, der Lithium fördert, gehört zu einem Viertel einem chinesischen Staatsunternehmen. Sie sehen also, wie stark die chinesische Regierung auch in Übersee an der Sicherung der Ressourcen engagiert ist", fügt er hinzu.

Europa: 24 Giga-Fabriken für Lithium-Ionen-Batterien geplant

In ganz Europa wird in die Batterieproduktion investiert, um die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern. Zwischen 2021 und 2030 sollen etwa 24 Giga-Fabriken für Lithium-Ionen-Batteriezellen in der EU eröffnet werden. Tesla zum Beispiel eröffnete letzten Monat seine Gigafabrik in Deutschland.

Der Verband der europäischen Automobil- und Industriebatteriehersteller prognostiziert nun, dass der Wert des EU-Batteriemarktes von 15 Mrd. EUR im Jahr 2019 auf schätzungsweise 35 Mrd. EUR im Jahr 2030 steigen wird, wobei etwa die Hälfte auf Lithium-Ionen-Batterien entfallen wird. Der Wert des Weltmarktes soll von 90 Mrd. EUR auf 150 Mrd. EUR steigen wird.

Europäische Autarkie ist kaum zu erreichen

„Selbst im günstigsten Fall, also wenn alle potenziellen Minen bis 2025 arbeiten werden, sehe ich nicht, wie Europa in diesem Jahrzehnt eine ausreichende Versorgung erreichen kann", so Poliscanova. "Aber nach 2030, je nachdem, wie intelligent unsere Recyclingpolitik ist, kann Europa autark werden." lautet ihre optimistische Prognose.