Das Meereis am Nordpol wird dünner: Wie sieht die Arktis in Zukunft aus?

Das Meereis am Nordpol wird dünner: Wie sieht die Arktis in Zukunft aus?
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Von Jeremy WilksSabine Sans
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Wie verändert sich der Arktische Ozean? Climate-now-Reporter Jeremy Wilks reiste so nah wie möglich an den Nordpol.

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Das "ewige Eis" am Nordpol schmilzt schneller denn je. Die Prognosen bzw. die Klimamodelle der Wissenschaftler sagen voraus, dass eine Zeit kommen wird, in der die Arktis im Sommer eisfrei sein wird.

"Aber wann genau das sein wird, ist ziemlich ungewiss, wir kennen nicht alle Rückkopplungen im System. Wir wissen auch nicht, ob es sich um einen allmählichen Prozess handelt oder ob es abrupte Veränderungen geben wird, die das System in einen völlig neuen Zustand versetzen und den Weg bestimmen", sagt Mats Granskog, Meereisforscher am Norwegischen Polarinstitut. "Das ist ein aktives Forschungsgebiet, um all diese Rückkopplungsmechanismen im System zu verstehen, die die Erwärmung tatsächlich beschleunigen könnten."

"Wir beobachten, vor allem in der westlichen Arktis, dass die Schnee- und Niederschlagsmengen auf dem Eis im vergangenen Jahrzehnt zugenommen haben. Das hängt mit der Tatsache zusammen, dass die Arktis im Allgemeinen wärmer und feuchter ist."
Dimitry Divine
Meereisforscher am Norwegischen Polarinstitut

Aktuelle Klimadaten

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Der Februar 2023 war weltweit der fünftwärmste seit Aufzeichnung, mit Temperaturen 0,3 Grad Celsius über dem Durchschnitt von 1991 bis 2020euronews

Werfen wir zunächst einen Blick auf die aktuellen Daten des Copernicus Climate Change Service, die zeigen, dass der Februar 2023 weltweit der fünft wärmste seit Aufzeichnung war, mit Temperaturen 0,3 Grad Celsius über dem Durchschnitt von 1991 bis 2020. 

Quelle: Copernicus Climate Change Service ausgeführt von ECMWF
Temperaturanomalien Feburar 2023Quelle: Copernicus Climate Change Service ausgeführt von ECMWF

Auf der obigen Karte der Temperaturanomalien weltweit erkennt man einige Besonderheiten: Erstens lagen die Temperaturen im Norden Kanadas und in Teilen des Westens der USA im vergangenen Monat mehrere Grad unter dem Durchschnitt.

Quelle: Copernicus Climate Change Service ausgeführt von ECMWF
Die Temperaturen im Norden Kanadas und in Teilen des Westens der USA lagen im vergangenen Monat mehrere Grad unter dem Durchschnitt.Quelle: Copernicus Climate Change Service ausgeführt von ECMWF

In Europa war es allgemein wärmer - die Temperaturen lagen im Februar um 1,2 Grad Celsius über dem Monatsdurchschnitt. 

Quelle: Copernicus Climate Change Service ausgeführt von ECMWF
In Europa war es allgemein wärmer - die Temperaturen lagen im Februar um 1,2 Grad Celsius über dem Monatsdurchschnitt.Quelle: Copernicus Climate Change Service ausgeführt von ECMWF

In Dunkelrot, über Norwegen und Russland, lagen die Temperaturen im Februar sechs Grad oder mehr über dem Durchschnitt.

Quelle: Copernicus Climate Change Service ausgeführt von ECMWF
In Dunkelrot, über Norwegen und Russland, lagen die Temperaturen im Februar sechs Grad oder mehr über dem Durchschnitt.Quelle: Copernicus Climate Change Service ausgeführt von ECMWF

Und diese wärmeren Temperaturen in der Arktis im Februar kommen zu einer Jahreszeit, in der das Meereis am Ende des Winters reichlich vorhanden sein sollte. 

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Aber wenn man sich die Daten ansieht, sieht das nicht so aus. Die Meereisausdehnung war im Februar auf dem zweitniedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen, die Meereiskonzentration war in den rot schattierten Gebieten auf der Karte niedriger als im Durchschnitt um Westsibirien und Spitzbergen.

Was hat sich im Arktischen Ozean wirklich verändert?

Um das herauszufinden, hat Euronews-Reporter Jeremy Wilks das Norwegische Polarinstitut in Tromsø, innerhalb des Polarkreises, besucht: Vor Ort sind minus 12 Grad, in Tromsø scheint die Zeit eingefroren zu sein. 

Doch diese Region verändert sich schnell. Die Arktis erwärmt sich tatsächlich drei- bis viermal schneller als der globale Durchschnitt. Meereisforscher Mats Granskog beobachtet das seit Jahrzehnten:

"Als ich vor etwa 20 Jahren das erste Mal dort hinausfuhr, gab es viel Packeis - dickes, schweres Eis", so der  Meereisforscher vom Norwegischen Polarinstitut. "Heutzutage haben wir in manchen Jahren Schwierigkeiten, überhaupt eine Eisscholle zu finden, auf der wir arbeiten können. Die Lage hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich dramatisch verändert."

Jedes Jahr fahren die Wissenschaftler in den Nordosten Grönlands, um auf dem Weg zum Nordpol Proben zu sammeln - und sie dann zur Untersuchung zurück nach Tromsø zu bringen: Euronews hat ausnahmsweise Zugang zu arktischen Meereisbohrkernen, in der Eiskammer herrschen minus 24 Grad, man braucht eine spezielle Ausrüstung.

Jeder Eiskern stellt eine Momentaufnahme der Arktis zu der Zeit dar, als er entnommen wurde. Mats Granskog zeigt eine Eisprobe und erklärt: Diese Probe wurde im Juli vergangenen Jahres genommen, als wir den Nordpol erreichten. Wir hatten also im letzten Sommer etwa eineinhalb Meter Meereis am Nordpol." Nicht sehr viel, meint der Euronews-Reporter: "Ja, es ist eine ziemlich dünne Schicht zwischen dem Ozean und der Atmosphäre. Vor 20 Jahren hatten wir eine Eisschicht von etwa drei Metern", so der Meereisforscher.

Meereis-Untersuchung: Es wird immer jünger und dünner

Im Gefrierlabor nebenan untersucht Dimitry Divine, wie sich das Eis gebildet hat. Die wichtigsten Veränderungen, die er feststellt, betreffen das Alter und die Dicke des Eises: "Das Eis wird dünner und dünner. Es wird die sommerliche Schmelze nicht überleben. Das wirkt sich auch auf das allgemeine Alter des Eises aus. So wird das Eis in der Arktis jetzt größtenteils von jüngeren Eisformen dominiert. Die mehrjährigen Eistypen, die noch vor 20, 30 Jahren in der zentralen Arktis vorherrschten, sind mehr oder weniger verschwunden."

Die Erwärmung der Arktis ist zum Teil auf sogenannte Rückkopplungsschleifen zurückzuführen - ein Beispiel ist, dass offenes Meerwasser dunkler ist als Eis, sodass es sich schneller erwärmt und die Schmelze beschleunigt. Es gibt jedoch noch vieles, was man nicht über diese Polarregion weiß, erklärt Mats Granskog:

"Das Meereis ist abhängig von der Atmosphäre und dem Ozean darunter. Dieses ziemlich komplexe System ist schwierig zu verstehen. Die große Frage ist, wie die Arktis in Zukunft aussehen wird. Das ist eine schwierige Frage, weil wir noch nicht ganz verstehen, wie sie heute funktioniert."

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