Wegen der neuen Epstein-Akten sorgen Namen von Europas politischer Elite für Schlagzeilen und Spekulationen. Doch was belegen die Dokumente tatsächlich und was sind nur Gerüchte? Ein Überblick.
Der verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hatte offenbar weitreichende Kontakte zur politischen Elite Europas. Das legen Dokumente nahe, die das US-Justizministerium (DOJ) kürzlich veröffentlicht hat.
Mit neuen Akten bestehend aus Fotos, Textnachrichten und E-Mails wurde erneut sichtbar, wie weit Epsteins Netzwerk reichte. Parallel dazu kursieren in sozialen Netzwerken gefälschte Bilder und irreführende Vorwürfe.
Wichtig ist: Das US-Justizministerium stufte die Akten als potenziell relevant für die Ermittlungen gegen Epstein und seine Mitarbeiterin Ghislaine Maxwell ein. Zugleich betonte es, dass die Unterlagen nicht ausreichen, um gegen die darin genannten Personen ein Verfahren einzuleiten.
Trotzdem zeigen die Dokumente, dass Teile der europäischen Elite auch noch lange nach Epsteins erster Verurteilung engen Kontakt zu ihm hielten. Epstein hatte sich 2008 schuldig bekannt und wurde damals wegen der Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen und der Anwerbung einer Prostituierten verurteilt.
Andere Namen tauchen nur am Rande auf.
Wer sind also einige der hochrangigen Europäer, die in den Akten vorkommen, und wie eng waren die Kontakte?
Emmanuel Macron
In mehreren Posts auf X und in einem Video auf YouTube wird behauptet, der französische Präsident Emmanuel Macron habe sich direkt von Epstein beraten lassen, als er Wirtschafts- und Finanzminister war. Das Faktencheck-Team "The Cube" von Euronews stieß zudem auf Posts, in denen Macron eine direkte Beteiligung an Epsteins Verbrechen unterstellt wird.
In den Akten taucht der Nachname des Präsidenten in mindestens 211 Dokumenten auf. Die meisten Erwähnungen beziehen sich jedoch auf Zeitungsausschnitte und allgemeine Diskussionen über französische Politik. Sie haben meist keinen direkten Bezug zu Macron oder seinem Umfeld.
Aus den Akten geht nicht hervor, dass Epstein und Macron jemals persönlich miteinander korrespondiert haben.
Nur wenige Dokumente deuten überhaupt auf eine Verbindung hin. In ihnen geht es vor allem um Politik und Geschäfte, meist vermittelt über Dritte.
Ein Dokument aus dem Jahr 2016 zeigt etwa, was der emiratische Geschäftsmann Sultan Bin Sulayem Epstein schreibt. Er berichtet von einem Mittagessen im Élysée-Palast und einem netten Gespräch mit Macron "über unsere Geschäfte in Frankreich". Weitere gemeinsame Erwähnungen von Macron und Bin Sulayem finden sich in den Akten nicht.
Auch in der Korrespondenz zwischen dem US-Milliardär Tom Pritzker und Epstein wird Macron erwähnt. Es geht um ein Treffen und den Versuch, Kontakt herzustellen.
Ein Beleg dafür, dass Epstein Macron tatsächlich getroffen oder mit ihm kommuniziert hat, findet sich in diesen Dokumenten jedoch nicht.
Ein Screenshot, der auf X verbreitet wurde und angeblich zeigt, wie Macron Epstein um Hilfe bei politischen Fragen bittet, ist irreführend.
Tatsächlich enthält ein Dokument aus dem Jahr 2018 einen geschwärzten Absender mit dem Vermerk "Von Macron" sowie die Bitte, über politische Ideen nachzudenken. Der Text endet mit "Brauche etwas". Epstein ist in diesem Austausch als Teilnehmer aufgeführt. Der Absender und ein weiterer Teilnehmer sind allerdings geschwärzt.
Ein weiteres Dokument vom 30. August 2018 trägt die Betreffzeile "Re: Macron". Darin schreibt ein geschwärzter Absender an Epstein, jemand frage nach "störenden und durchdachten Ideen für ihn".
"Er will Europa anführen. Vielleicht die Welt", heißt es in der Nachricht. Epstein antwortet mit "ok".
Dass Epstein offenbar keinen direkten Draht zu Macron hatte, legt auch eine E-Mail vom 2. Oktober 2018 nahe. Darin bittet Epstein Caroline Lang, die Tochter des Ex-Ministers Jack Lang, um einen direkten Kontakt "mit jemandem in der Macron-Regierung".
Caroline Lang antwortet, sie werde ihren Vater fragen und sich wieder melden. Das deutet darauf hin, dass Epstein selbst keinen direkten Zugang zu Macrons Umfeld hatte.
Caroline und Jack Lang
Der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang und seine Tochter Caroline, eine französische Filmproduzentin, werden in den Akten als direkte Gesprächspartner Epsteins genannt.
Epstein erhielt mehrere E-Mails von Jack Langs persönlicher Sekretärin. Darin finden sich unter anderem Links zu Passkopien der Familie und Details zu verschiedenen Reisen.
Eine Verbindung zwischen den Langs und Epsteins Sexualverbrechen wird in den Akten nicht hergestellt. Die Korrespondenz dreht sich überwiegend um geschäftliche Pläne. In E-Mails zwischen Caroline Lang und Jeffrey Epstein ist etwa von einem "großen Projekt" die Rede.
Jack Lang bat Epstein zudem um Gefälligkeiten, etwa um die Nutzung von Autos und Flugzeugen.
Offenbar liebte Jeffrey Epstein Paris, war oft dort und hatte laut Medien eine 800- Quadratmeter-Wohnung in der Nähe der Champs-Elysées. In einem Interview hat Jack Lang - der heute das renommierte Institut du Monde Arabe leitet - eingeräumt, dass er für Epstein Museumsbesuche außerhalb der Öffnungszeiten organisiert hat.
Jack Lang reagierte nach der Veröffentlichung der Akten mit einer Erklärung. Der 86-Jährige sagte, er habe Epstein über den US-Regisseur Woody Allen kennengelernt. Über Epsteins Verbrechen sei er schockiert gewesen.
"Ich war völlig schockiert, als ich die Verbrechen entdeckte, die er begangen hatte", heißt es in einer am 2. Februar veröffentlichten Mitteilung.
"Ich akzeptiere voll und ganz die Verbindungen, die ich zu einer Zeit geknüpft haben mag, als nichts darauf hindeutete, dass Jeffrey Epstein im Zentrum eines kriminellen Netzwerks stehen könnte", so Lang weiter.
Epstein bekannte sich 2008 erstmals der Aufforderung zum Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen schuldig. Er starb 2019 durch Suizid in einem Gefängnis in New York, wo er wegen Sexhandels mit minderjährigen Mädchen angeklagt war.
Jack Langs Korrespondenz mit Epstein reicht den Akten zufolge bis 2017.
Nach der Veröffentlichung trat Caroline Lang laut RFI als Leiterin des französischen Verbandes von Filmproduzenten Syndicat des producteurs indépendants (SPI) zurück.
"Ich möchte nicht, dass diese Situation der Gewerkschaft in irgendeiner Weise schadet", sagte sie in einer Erklärung zu ihrem Rücktritt.
Caroline Lang hat Medienberichten zufolge zu Beginn ihrer Karriere für den Vater von Ghislaine Maxwell, den Medienmogul Robert Maxwell, gearbeitet.
Børge Brende
Die Akten enthalten Dokumente, die nahelegen, dass Børge Brende einen Besuch bei Epstein plante. Brende war Norwegens ehemaliger Außenminister und wurde später Präsident und CEO des Weltwirtschaftsforums. Dieses Amt hat er nach eigenen Angaben weiterhin.
Demnach wollte Brende im Juni 2019 Epsteins Stadthaus in Manhattan besuchen. Mehrere Opfer Epsteins haben dieses Haus als einen Ort beschrieben, an dem es zu Missbrauch gekommen sei.
"Ich freue mich darauf", schreibt Brende in einer Nachricht. "Sushi wäre fantastisch."
Das Stadthaus wurde im Juli 2019 durchsucht, wenige Wochen nachdem Epstein wegen des Vorwurfs des Sexhandels verhaftet worden war.
In den Akten finden sich zudem Terminnotizen aus dem Jahr 2018 sowie Belege für direkte Korrespondenz zwischen Brende und Epstein. Am 4. Oktober 2018 schrieb der norwegische Politiker eine SMS mit "thx btw for a great dinner". Epstein antwortete unter anderem mit Einschätzungen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz.
Ein weiterer Austausch zeigt, wie Epstein Brende fragt, ob er Zeit habe, und schreibt: "Ich fliege am Freitag zu Miro nach Wien." In einer früheren Veröffentlichung von Epstein-Dokumenten war ein gefälschter österreichischer Pass auf den Namen "Marius Robert Fortelni" aufgetaucht, der Epstein zugeschrieben wurde.
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Brende über Frauen sprach oder an Epsteins Verbrechen beteiligt war. Der 60-Jährige sagte dem norwegischen Wirtschaftssender E24, er hätte Epstein nie getroffen, wenn er von dessen Taten gewusst hätte.
"Ich hätte Epsteins Vergangenheit genauer unter die Lupe nehmen sollen, und ich bedaure, dass ich das nicht getan habe", sagte er.
Thorbjørn Jagland
Es gibt direkte Hinweise auf Treffen und Kommunikation zwischen Epstein und dem ehemaligen norwegischen Ministerpräsidenten Thorbjørn Jagland. Jagland war später Generalsekretär des Europarats.
In einem Dokument behauptete Epstein gegenüber dem Unternehmer Peter Thiel, Jagland werde "die ganze nächste Woche" auf seiner Privatinsel verbringen. Viele Opfer berichten, dass sie auf Little Saint James auf den US-Jungferninseln missbraucht wurden. Die Insel ist auch als "Epstein Island" bekannt.
An anderer Stelle schreibt Epstein an Noam Chomsky, Jagland werde bei ihm sein. "Er verleiht den Friedensnobelpreis", schreibt Epstein.
Ein Dokument aus dem Jahr 2012 zeigt eine weitere direkte Kommunikation. Epstein fragt Jagland, ob er einen "Arzt" angerufen habe. Jagland antwortet: "Ich hatte am Freitag keine Zeit, ihn anzurufen, aber ich werde es am Montag tun. Ich freue mich darauf, Sie zu sehen."
In einem anderen Dokument schreibt Jagland an Epstein: "Ich war in Tirana (Albanien) und habe außergewöhnliche Mädchen kennengelernt."
Die norwegische Zeitung Dagens Næringsliv meldete, Jagland habe 2019 im Nobelkomitee gefragt, ob Mitglieder Kontakt zu Epstein gehabt hätten. Jagland habe demnach mit Nein geantwortet.
Kürzlich äußerte er sich anders, wie die Zeitung Aftenposten berichtete. Er habe bei seinem Kontakt mit Epstein "schlechtes Urteilsvermögen" gezeigt. "Ich hätte diesen Kontakt nie gehabt, wenn ich gewusst hätte, was wir jetzt wissen".
Marine Le Pen
In mehreren Beiträgen auf X wird behauptet, die rechtsextreme französische Politikerin Marine Le Pen sei in den Epstein-Akten als "russische Agentin" enttarnt worden.
Tatsächlich liefern die Akten mindestens 68 Treffer für den Begriff "Le Pen". Viele davon sind Zeitungsausschnitte und politische Diskussionen.
Einige sind Gespräche über Le Pen zwischen Epstein und Caroline Lang. Hinzu kommen Mitteilungen von Steve Bannon, einem ehemaligen Strategen des Weißen Hauses.
Bannon besuchte 2018 nachweislich rechtsextreme Parteien in Europa, darunter die AfD. Die Akten legen nahe, dass er Epstein über seine Treffen und Einschätzungen zu europäischen Politikern informierte.
Die Behauptung über russische Finanzierung geht auf eine E-Mail zurück, die der Journalist Michael Wolff an Epstein schickte. Darin schreibt Wolff, er habe "SB", also Steve Bannon, in London gesehen.
"Er hatte gestern ein Treffen mit den französischen Rechten, einschließlich Le Pens Ehemann, um die Nationale Front zu refinanzieren, weil offenbar ein großer Teil ihres Geldes aus Russland kommt", heißt es in der E-Mail.
Wolff fügt hinzu: "Zwei Gedanken hier, diese Typen [sic] schienen wie Idioten, reines Ruritanien."
Marine Le Pen stand in der Vergangenheit wegen eines Millionenkredits bei der Ersten Tschechisch-Russischen Bank in der Kritik. Der Kredit wurde später an das russische Unternehmen Aviazapchast übertragen.
In Wolffs Nachricht finden sich jedoch keine belastbaren Belege, sondern vor allem Einschätzungen aus zweiter Hand. Auch gibt es keine Hinweise, dass Le Pen und Epstein direkt miteinander korrespondiert haben.
Miroslav Lajčák
Mehrere Dokumente zeigen, dass Miroslav Lajčák als slowakischer Außenminister direkt mit Epstein korrespondierte. Demnach arrangierten die beiden auch ein Treffen.
In einigen Nachrichten sprachen sie über Frauen. In einer Nachricht aus dem Jahr 2018 schreibt Lajčák: "Grüße aus Kiew! Ich möchte nur bestätigen, dass die Mädchen hier so umwerfend sind wie immer:)".
An anderer Stelle schreibt Lajčák: "Ich würde das 'MI'-Mädchen nehmen." Epstein antwortet: "Du kannst sie beide haben, ich bin nicht besitzergreifend."
In einem weiteren Austausch heißt es: "Moskau hat Öl und Mädchen."
Das folgt auf Epsteins Aussage, Mädchen seien "Moskaus bester Export".
Lajčák wies Fehlverhalten zurück. Er erklärte, Epstein habe ihm keine sexuellen Dienste angeboten, und er habe das Ausmaß von Epsteins Taten nicht gekannt.
Lajčák trat als nationaler Sicherheitsberater der Slowakei zurück. Dem öffentlich-rechtlichen Sender Rádio Slovensko sagte er, die Nachrichten seien "nichts weiter als dumme männliche Egos in Aktion, selbstgefälliges männliches Geplänkel".