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"Pisa-Klatsche": Deutschland fällt zurück - Bildungsungleichheit groß

"Pisa-Klatsche": Deutschland fällt zurück - Bildungsungleichheit groß
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Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den "Pisa-Schock" von 2001: Deutschland belegte bei der ersten Schulleistungsstudie der OECD (Gesellschaft für wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit) einen Platz im unteren Drittel. Zudem war die Bildungsungleichheit besonders groß. Kinder aus sozial schwachen Familien lernten deutlich schlechter als solche aus bessergestellten Familien. Seit dem wurde viel über Bildung und das dreigliedrige weiterführende Schulsystem diskutiert.

Und fast 20 Jahre später? Liegen die deutschen SchülerInnen in den getesten Bereichen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften zwar über dem OECD-Durchschnitt, fallen aber hinter die erreichten Verbesserungen zurück. So seien die durchschnittlichen Leseleistungen 2018 wieder auf das Niveau von 2009 zurückgegangen, so die OECD, die die Studie für 2018 am Dienstag in Berlin vorstellte. In den Naturwissenschaften erreichte Deutschland weniger Punkte als 2006. In Mathematik lagen die Ergebnisse von PISA 2018 deutlich unter jenen von PISA 2012, hieß es.

Bildungsministerin Karliczek: "Mittelmaß kann nicht unser Anspruch sein"

Insgesamt liegt Deutschland in allen Bereichen in der unteren Hälfte des oberen Drittels. "Mittelmaß kann nicht unser Anspruch sein", sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Dienstag. Die Opposition sprach von einer "Pisa-Klatsche".

Deutlich wurde im aktuellen Pisa-Test erneut, dass es in Deutschland einen besonders starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Erfolg in der Schule gibt. Jeder fünfte 15-Jährige erreicht beim Lesen gerade einmal Grundschulniveau oder scheitert in Mathematik und Naturwissenschaften an einfachen Aufgaben. Und was allen Beteiligten Sorgen macht: Deutschlands Jugendliche verlieren zunehmend die Lust am Lesen.

Migration laut OECD möglicherweise ein Grund für Leistungsabfall

Unverändert groß bleibt Deutschlands Abstand zur Spitzengruppe. Dort haben sich europäische Länder wie Estland und Finnland festgesetzt - und vor allem asiatische Länder und Metropolregionen. Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), der hessische Minister Alexander Lorz (CDU), sagte: Das deutsche Bildungssystem sei nicht so schlecht, wie es manchmal geredet werde. "Aber es ist auch nicht so gut, wie wir es gerne hätten."

"Einer der Faktoren hinter dem Leistungsrückgang können die seit der Flüchtlingskrise gestiegenen Ansprüche an das Bildungssystem sein", hieß es von der OECD. Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) äußerte sich ähnlich.

Kritische Stimmen zu den Pisa-Ergebnissen kamen von der Opposition. Der FDP-Bildungspolitiker Thomas Sattelberger sieht Deutschland in der Bildungspolitik "auf Sinkflug", weil sich Bund und Länder im "kleinkarierten Kompetenzgerangel" verlören. Seine Fraktionskollegin Katja Suding sprach von einer "Pisa-Klatsche".

Grünen-Chef Robert Habeck bemängelte, dass Deutschland über die letzten Jahre "unterdurchschnittlich wenig" für Bildung ausgegeben habe. "Das rächt sich jetzt." Jan Korte, Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion, sagte, am schlechtesten im Pisa-Test habe die Bundesregierung abgeschnitten. "Es gibt kein deutlicheres Zeichen für Politikversagen, als wenn die Zukunft von Kindern abhängig von ihrer sozialen Herkunft ist."

Mädchen beim Lesen vorne, Jungs in Mathe

Im aktuellen Pisa-Test ging es schwerpunktmäßig um die Lesekompetenz. In Deutschland - so wie auch in allen anderen OECD-Staaten - schnitten die Mädchen dabei deutlich besser ab als die Jungen. In Mathe sind die Jungen vorne. Bei den Naturwissenschaften sehen die Autoren in Deutschland keine Unterschiede. Jeder fünfte 15-Jährige in der Bundesrepublik erreicht beim Lesen nur ein sehr geringes Leistungsniveau. Das heißt, er oder sie kann mit ganz einfachen Leseanforderungen nicht umgehen. Auch in Mathe und Naturwissenschaften liegt der Anteil der leistungsschwachen Schüler bei rund 20 Prozent.

Neben den Tests, die die Schüler absolvieren mussten, wurde auch das Thema "Lesefreude" abgefragt. Im Zehnjahresvergleich wird dabei sichtbar, dass das Interesse der Jugendlichen am Lesen abnimmt. Jeder zweite befragte 15-Jährige in Deutschland sagte: Ich "lese nur, wenn ich lesen muss" oder "um Informationen zu bekommen, die ich brauche". Lesen als liebstes Hobby gab nur jeder Vierte an. Mehr Schüler (34 Prozent) sagten dagegen, für sie sei Lesen Zeitverschwendung.

Die Tests für die Pisa-Studie finden inzwischen vor allem am Computer statt. Die Schüler müssen sich durch verschiedene Aufgaben klicken. Zusätzlich müssen die Schüler Fragebögen ausfüllen.

Die Pisa-Studie ist die größte internationale Schulleistungsvergleichsstudie. Seit dem Jahr 2000 werden dafür alle drei Jahre weltweit Hunderttausende Schüler im Alter von 15 Jahren getestet. Dieses Mal nahmen rund 600 000 Schülerinnen und Schüler aus 79 Ländern teil, in Deutschland knapp 5500. Es war die mittlerweile siebte Runde.