Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

'Besserwisser', 'männliche Merkel'? Wer ist Deutschlands neuer Bundeskanzler Olaf Scholz?

Access to the comments Kommentare
Von Orlando Crowcroft  & Alexandra Leistner
Olaf Scholz soll am Mittwoch, 8. Dezember 2021, vom Bundestag zum Bundeskanzler gewählt werden.
Olaf Scholz soll am Mittwoch, 8. Dezember 2021, vom Bundestag zum Bundeskanzler gewählt werden.   -   Copyright  Markus Schreiber/AP

Was für manche noch im Frühjahr 2021 undenkbar gewesen wäre, wusste Olaf Scholz schon im Jahr 2018. Er würde in diesem Jahr Angela Merkels politisches Erbe antreten. Und auch seine Taktik lag sozusagen auf der Hand: Ihr so ähnlich sein wie möglich.

Lars Haider ist überzeugt, dass dieses "Kalkül", wonach letztendlich nicht Parteien sondern Persönlichkeiten Bundestagswahlen gewinnen, Scholz den Wahlsieg eingebracht hat. Haider, Hamburger Journalist und Chefredakteur vom Abendblatt, hat in dieser Woche die erste Biografie über Scholz veröffentlicht.

Souverän und erfahren: Scholz' politischer Werdegang

Bevor er in die Politik ging, arbeitete Scholz als Rechtsanwalt in seiner Heimatstadt Hamburg. 1998 wurde er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. In den 2000er Jahren wurde er Generalsekretär der Sozialdemokraten unter dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder, seinem politischen Mentor.

Als Merkel 2005 Schröder ablöste und ihre erste große Koalition aus Sozialdemokraten und CDU bildete, war Scholz von 2007 bis 2009 Arbeitsminister und gehörte der Regierung an, die das Land durch die Finanzkrise führte.

Im Jahr 2011 wurde Scholz zum Ersten Bürgermeister von Hamburg gewählt und gewann seine Heimatstadt nach Jahren des Parteienstreits für die Sozialdemokraten zurück. Um die Stadt für Familien bezahlbarer zu machen, führte er kostenlose Kinderbetreuung ein und brachte ein massives Wohnungsbauprogramm auf den Weg.

2017 geriet Scholz allerdings in die Kritik: Während des G20-Gipfels in Hamburg kam es zu gewalttätigen Straßenprotesten, bei denen Hunderte von Polizisten verletzt wurden.

Er hat einen Hang dazu, ein Besserwisser zu sein. Er weiß oft viele Sachen besser, und lässt die Menschen das auch spüren.
Lars Haider
Scholz-Biograf

2018 erhielt er in Merkels zweiter großer Koalition das Amt des Finanzministers sowie den Posten des Vizekanzlers.

Klartext-Verlag
Die Biografie "Olaf Scholz. Der Weg zur Macht" schrieb Lars Haider in Rekordzeit, die Idee kommt von seinem Schwager, der nach der Bundestagswahl eine Biografie suchte.Klartext-Verlag

Scholz habe von sich selbst mal gesagt, er sei eine Art "männliche Merkel", so Haider, der das auch so sieht. Die beiden hätten nicht nur die gleichen Stärken sondern auch die gleichen Schwächen: Scholz sei kein großer Redner. Zudem bedauert Haider, dass der designierte Kanzler glaubt, Gefühle hätten in der Politik keinen Platz. "Ich finde das schade, weil er ein ganz normaler Mensch ist, der diese Gefühle natürlich auch hat, die aber immer unterdrückt".

Er sei zwar meist höflich, aber habe "einen Hang dazu, ein Besserwisser zu sein. Er weiß oft viele Sachen besser, und lässt die Menschen das auch spüren", so Haider, der Scholz gut kennt und ihn in den vergangenen 10 Jahren mehr als 150 Mal getroffen hat - ohne zu wissen, dass er sich am Abend der Bundestagswahl spontan dazu entscheiden würde, Scholz' erste Biografie zu schreiben.

Der "Déjà-vu-Effekt" - zumindest international

Gibt es mit Scholz also doch ein "Weiter so"? Jenes "Schreckgespenst" der jungen Wählergeneration, das Umfragen vor der Bundestagswahl aufzeigten? Auf internationaler Ebene, glaubt Haider, werde es für Regierungschefs und Regierungschefinnen tatsächlich zu einem "Déjà-vu-Effekt" kommen, da Scholz ähnliche Politik machen und genauso ausdauernd verhandeln könne wie Merkel. "Auf dieser internationalen Ebene wird sich quasi gar nichts ändern. Was ja übrigens auch ein Vorteil sein kann, denn da hat Angela Merkel sich ja hohen Respekt erarbeitet und da wird Scholz einfach versuchen, das genauso fortzusetzen."

Mit der SPD "nichts zu tun"?

Für Deutschland habe Scholz, dessen oberstes Anliegen sei, dass das Land ordentlich regiert wird, einen genauen Plan - festgeschrieben im Koalitionsvertrag - und den werde er jetzt ganz pragmatisch abarbeiten.

Anders als seine Vorgängerin sei Scholz jemand, der agiert und nicht reagiert und zudem sehr entscheidungsstark ist. "Und wenn es nicht funktioniert, dann sagt man okay, das war jetzt nicht so gut, aber beim nächsten Mal mache ich es besser."

So habe Scholz es auch nach der heftigen Kritik wegen des G20-Gipfels gemacht. Das sei ein harter Rückschlag gewesen aber anstatt zurückzutreten habe er seinen Fehler eingestanden und daraus gelernt. Haider nennt das Scholz' "herausragende Eigenschaft".

Interessant findet der Journalist und Biograf die Organisation der SPD, mit der Scholz als Kanzler "im Prinzip nichts mehr zu tun hat". Die Kohabitation der zwei Machtzentren aus der SPD als Partei und der Regierung unter Scholz dürfte in den ersten Jahren geräuschlos zugehen, glaubt Haider. "Danach muss man mal gucken."
_____________________________________________________________________________

Klartext Verlag
Lars Haider hat die Recherche für seine Biografie über Scholz während der vergangenen 10 Jahre gemacht - ohne es zu wissen.Klartext Verlag

Lars Haider ist Journalist und Chefredakteur des Hamburger Abendblatts. Die Idee zu der Biografie hatte sein Schwager, der nach der Bundestagswahl nach einem Buch über Scholz fragte. "Ich sagte: 'Es gibt kein Buch über Olaf Scholz.' Und Er: 'Warum schreibst du keins, du kennst ihn doch sehr gut…'. Weniger als 2,5 Monate später liegt die Biografie in den Regalen der Buchhandlungen aus - pünktlich zu Scholz' Wahl zum 9. Kanzler der Bundesrepublik.