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Was ist "Taxonomie" und warum sprechen plötzlich alle darüber?

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Von Alexandra Leistner
Das AKW Gundremmingen wurde zum Ende des Jahres 2021 abgeschaltet, Foto vom 31. 12. 2021.
Das AKW Gundremmingen wurde zum Ende des Jahres 2021 abgeschaltet, Foto vom 31. 12. 2021.   -   Copyright  Stefan Puchner/ dpa via AP

Das neue Jahr ist gerade einmal ein paar Tage alt und schon zeichnet sich ein Wort (oder Unwort?) des Jahres(anfangs) ab: Taxonomie.

Dabei ist es eigentlich nicht neu und wird in EU-Kreisen gerne verwendet. Die Suche nach dem Begriff "taxonomy" auf der Internetseite der EU-Kommission zeigt 10 Ergebnisse an, 2018 wurde im Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums die Schaffung einer "Taxonomie" für Europa gefordert.

Die EU-Taxonomie für nachhaltige Aktivitäten trat dann im Juli 2020 in Kraft. Doch erst seit Kommissionschefin Ursula von der Leyen auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem neuen deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz fast selbstverständlich von "EU-Taxonomie" sprach, hat es der Begriff auch in die Medien geschafft.

Ordnung und Gesetz

Der Begriff setzt sich aus dem griechischen táxis (Ordnung) und nomos (Gesetz) zusammen und steht laut Duden für die "Einordnung in ein bestimmtes System". Er wird auch in der Botanik/Zoologie sowie in der Sprachwissenschaft für Klassifikationen verwendet.

In dem Zusammenhang, in dem Taxonomie jetzt in aller Munde ist, ist dagegen ein "Klassifizierungssystems für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten" gemeint.

Weil die EU-Kommission am 1. Januar mitteilte, dass Investitionen in Gas- und Atomkraftwerke unter bestimmten Bedingungen als klimafreundlich eingestuft werden könnten - nach EU-Taxonomie - ist das Wort jetzt in aller Munde.

Taxonomie - ein "wenig verständliches Wort"

Am 10. Dezember 2021 gab Olaf Scholz beim Antrittsbesuch in Brüssel bei Ursula von der Leyen zu: "Taxonomie ist ja ein für viele wenig verständliches Wort".

Es gehe darum, "die wirtschaftlichen Aktivitäten von Unternehmen im Hinblick auf das Klima zu bewerten. Das hat mit dem, was jetzt schon gültig ist, zu tun, natürlich vor allem mit der Nutzung von Solarenergie, von Windkraft und Wasserkraft und den jeweiligen Implikationen, die das für wirtschaftliche Prozesse hat", so Scholz.

Die EU-Kommission erklärt auf ihrer Internetseite, die EU-Taxonomie solle "Unternehmen, Investoren und politischen Entscheidungsträgern geeignete Definitionen dafür liefern, welche wirtschaftlichen Aktivitäten als ökologisch nachhaltig angesehen werden können. Auf diese Weise soll sie Sicherheit für Investoren schaffen, private Anleger vor Greenwashing schützen, Unternehmen helfen, klimafreundlicher zu werden, die Marktfragmentierung abschwächen und dazu beitragen, Investitionen dorthin zu lenken, wo sie am dringendsten benötigt werden."

Scholz stellt sich nicht gegen eine Aufnahme von Gas und Kernenergie in die EU-Taxonomie.

Journalistin Petra Pinzler schreibt in der Zeit, Taxonomie klinge "megatechnisch, ist aber megawichtig und im Kern sogar recht simpel: Es geht dabei um die Frage, was in Europa künftig eine grüne Investition ist und dann entsprechend politisch gefördert, finanziell unterstützt und ausgebaut werden soll."

Wissenschaft vs. Politik

Gegenüber dem EUobserver zeigte sich der niederländische Europaabgeordnete Bas Eickhout, der an dem Taxonomieentwurf mitarbeitete, überrascht über die Diskussion darüber, ob Atomkraft und Gas "grüne" Energien sein.

Denn die Taxonomie sei als wissenschaftlich fundiertes Klassifizierungssystem erstellt worden. "Sie war nie als Schlachtfeld für politische Debatten darüber, was grün ist, gedacht", so Eickhout. Atomstrom als grün zu bezeichnen weil bei der Erzeugung kein CO2 entsteht, sei zu kurz gedacht. Die Gefahren, die von Unfällen in AKWs ausgehen, dürften nicht unberücksichtigt bleiben, schreiben Europaabgeordnete in einer Petition gegen die Aufnahme von Kernenergie in die EU-Taxonomie Ende Dezember.

Dass Investoren wegen der Aufnahme in die Taxonomie jetzt vermehrt in Kernenergie investieren, hält Eickhout aber für unwahrscheinlich. Dafür sei die Energieform zu teuer und langwierig.

Bei Gas sei das anders. Hier könnte die Erklärung als taxonomiekonforme Ernergieform Investitionen und Subventionen beeinflussen, mit der Gas als Energielieferant in Europa weiter ausgebaut würde.

Wirtschaftsexperte Goran Mazar von der Beratungsfirma KPMG erklärte, die EU-Taxonomie mache die Nachhaltigkeit von wirtschaftlichen Tätigkeiten und von Finanzprodukten "messbar".

"Je nachdem zu welchem Grad ein Produkt die Nachhaltigkeitskriterien der Taxonomie erfüllt, kann es ein Label verwenden, das es als überwiegend oder teilweise grün ausweist. Anbieter, die ihre Produkte nicht an diesen Nachhaltigkeitskriterien messen, sind gehalten, dies in einer Erklärung zu begründen", schreibt Mazar.