Dem Kohleland Polen geht die Kohle aus

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Von Julian GOMEZSabine Sans
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Rund zwei Millionen Haushalte in Polen heizen bis heute mit Kohleöfen, in vielen brannte bisher russische Kohle. Doch aufgrund des von der Regierung verhängten Importstopps - weit vor den EU-Russland-Sanktionen - fehlen circa acht Millionen Tonnen Kohle im Land.

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In Polen gibt es Lücken bei der Versorgung mit Kohle, die in rund zwei Millionen Haushalten die Öfen beheizt. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) hat Kohle 2020 etwas mehr als 40 % des polnischen Energiemixes ausgemacht, gefolgt von Erdöl (ca. 30 %) und Erdgas (ca. 18 %), während der Rest aus Biokraftstoffen und Abfällen sowie anderen erneuerbaren Energiequellen wie Wind und Sonne stammt.  Bis zum Embargo der russischen Energie deckte Polen jedoch weniger als die Hälfte - 46 % - seines Energiebedarfs selbst, indem es etwa 80 % der verbrauchten Kohle, aber nur 20 % des Erdgases und 3 % des Erdöls produziert. Der Rest wurde durch Importe gedeckt. Etwa die Hälfte des Gases und fast zwei Drittel des Öls, das Polen einführt, kamen nach Angaben der Denkfabrik Forum Energii aus Russland.

Bange Frage nach dem Winter

Polen fehlt es an Kohle. Der stetige Rückgang der eigenen Produktion, das Embargo für russische Importe und die Inflation haben Millionen Polen in Bedrängnis gebracht, die noch immer von der Kohle abhängig sind.

Euronews-Witness Reporter Julián López Gómez ist vier Tage lang durch das Land gereist, hat Bergwerke und Häuser besucht, um sich die Ängste und Sorgen der Menschen anzuhören. Seine Reise beginnt in Südschlesien, der Seele des polnischen Steinkohlenbergbaus, des größten in der Europäischen Union.

Auch dort verschont die Krise niemanden. Früher bekamen pensionierte Bergleute jeden Winter 3 Tonnen Kohle geschenkt, heute nicht mehr:

"25 Jahre habe ich in den Bergwerken gearbeitet, und ich habe nichts. Ich habe keine Kohle mehr. Nichts. 25 Jahre lang habe ich in der Grube geschuftet. Und jetzt habe ich nichts mehr. Es gibt sie nirgends zu kaufen, es gibt kein Geld, um Kohle zu kaufen. Das war es", schimpft der pensionierte Kumpel Jacek Kowalski. "Woher bekommen Lagerhäuser Kohle? Und dann, wenn man selbst zum Bergwerk geht, stehen 2.000 Leute vor einem auf der Warteliste."

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Auch dem ehemaligen Kumpel Jacek Kowalski fehlt die Kohleeuronews

Die fast 2 Millionen Haushalte in Polen, die mit Kohle heizen, sehen einem düsteren Winter entgegen. Die Preise haben sich seit dem Frühjahr vervierfacht - Tendenz steigend.

Die Regierung hat zwar Hilfe versprochen, aber viele glauben, dass sie sich trotzdem keine Kohle mehr leisten können. Die Temperaturen können bis auf -20º Celsius fallen. Wenn die Kohle aufgebraucht ist, werden Robert Ruta und seine Frau auf Holz umsteigen: "Wir besitzen ein kleines Waldstück. Dank ihm können wir den Mangel an Geld und Kohle stopfen."

Der Krieg in der Ukraine hat einem bereits im Niedergang begriffenen Sektor den Todesstoß gegeben. Polen ist nach Deutschland der zweitgrößte Produzent in der EU. Aber die Kohleförderung, die als zu umweltschädlich und unrentabel gilt, ist in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen.

Keine Kohle mehr - nirgends

Auf dem Weg zum angeblich profitabelsten Bergwerk des Landes geht es vorbei an verlassenen und aktiven Abbaustätten.

"Dieses Bergwerk wurde vor einigen Wochen durch die kilometerlangen Schlangen verzweifelter Kunden auf der Suche nach erschwinglicher Kohle berühmt. Ein Online-Reservierungssystem hat die Kohlelieferungen erleichtert, und tatsächlich stehen heute nur noch wenige Kunden Schlange", sagt der euronews-Reporter. "Berichten zufolge hat das Bergwerk angekündigt, dass das ohnehin einer der letzten Tage ist, an dem die Menschen hier direkt Kohle kaufen können. Die Werksleitung wollte nicht mit mir sprechen; sie haben mir nicht einmal Zugang zu den Anlagen gewährt."

Einige Kunden haben wochenlang auf Kohle gewartet. Alle sind zurückhaltend und wollen nicht mit der Presse reden. Schließlich darf der Reporter eine Familie nach Hause begleiten. Ihr Bauernhaus braucht jeden Winter etwa 2,5 Tonnen Kohle. Sie haben überlegt, eine Wärmepumpe zu installieren, aber sie konnten sich die Investition von etwa 12.000 Euro nicht leisten.

"Die Leute um uns herum sagen auch, dass sie kein Geld haben. Es ist wirklich schwer, glauben Sie mir. Alle Preise sind sehr hoch. Ich mache mir wirklich Sorgen", sagt Halina Kołodziej. "In den vergangenen Jahren hatten wir etwas gespart. Dieses Jahr haben wir nichts mehr."

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Halina Kołodziej blickt sorgenvoll in die Zukunfteuronews

Dramatische Situation mit schlechten Aussichten

Auch die Einzelhändler sind betroffen. Der Mangel an Kohle hat einige in den Konkurs getrieben. Andere wurden beschuldigt, aus den Problemen der Menschen Profit zu schlagen. Auch aus diesem Bereich wollte niemand mit dem Reporter sprechen. So dramatisch die Situation auch sein mag, sie könnte noch schlimmer werden.

Der Anteil der Kohle an der Stromerzeugung in Polen ist der höchste in der Europäischen Union. Die Kohleknappheit und die Kohlepreise tragen nun auch aktiv dazu bei, dass die Energierechnungen in die Höhe schnellen - nicht nur für die Verbraucher.

Angesichts eines bevorstehenden Anstiegs der Energiekosten um rund 700 % hat die Stadt Sandomierz erklärt, dass wesentliche soziale Dienstleistungen bald betroffen sein könnten.

Eine Schule bereitet Notfallpläne vor, um die Schließung zu vermeiden und ihre 300 Schüler online zu unterrichten. Ähnlich ist die Situation im örtlichen Schwimmbad, das täglich von rund 300 Badegästen besucht wird.

"Wir können unsere höheren Energiekosten nicht zu 100 % auf unsere Kunden und die Kinder abwälzen. In einer solchen Situation können wir keinen Schwimmunterricht mehr anbieten. Das Gleiche gilt für Senioren, die zu ihrer Wassergymnastik kommen", erklärt Paweł Wierzbica von der Stadtverwaltung. "Sie können nicht mehr kommen, weil sie das Geld für Lebensmittel und Medikamente brauchen.

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Paweł Wierzbica kämpft gegen die Schließung des Schwimmbadseuronews

Auch das örtliche Krankenhaus, der zweitgrößte Arbeitgeber in der Region, stellt sich auf einen schwierigen Winter ein. Es versorgt jedes Jahr etwa 20.000 Patienten. Wesentliche Dienste sollten nicht betroffen sein, aber einige Entscheidungen könnten sich auf Patienten und ihre Familien auswirken, sagt der Direktor.

"Eine dieser Maßnahmen wäre die Einschränkung der Besuchszeiten für Familien und Freunde. Das würde es uns ermöglichen, das Licht in den Fluren und Wartezimmern auszuschalten, so dass die Beleuchtungszeit kürzer wäre", erklärt Krankenhausleiter Jerzy Kuliński.

Die Kohle trägt auch zu einer bitteren Ernte für Apfelbauer Remigiusz Łukawski bei. Seine 12.000 Bäume tragen reichlich Früchte. Aber die Kosten für ihre trockene, kalte Lagerung seien um fast 1.000 % gestiegen: "Energie macht heute etwa 60 % unserer Gesamtausgaben aus. Früher machten sie zwischen 20 und 30 % unserer gesamten Kosten aus. Schon vor einem Jahr haben wir mit den Äpfeln fast kein Geld verdient, wir waren am Rande des Existenzminimums. Jetzt, bei diesen Preisen, ist es fast sicher, dass mich die Ernte dieser Äpfel Geld kosten wird."

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Auch die Apfelernte ist auf Energie angewieseneuronews

Auch andere Unternehmer kommen in Bedrängnis, Robert Kulma, Eigentümer einer Autowerkstatt, hat zwar eine Fotovoltaikanlage installiert, aber sie reicht nicht aus, um den Arbeitsraum zu heizen. Eine kürzlich installierte Wärmepumpe ist noch nicht betriebsbereit. Kulma ist der Meinung, dass der Mangel an Kohle die größte Sorge der Polen ist:"Die Gespräche in unserer Umgebung drehen sich in diesen Tagen vor allem um zwei Themen: Kohle und Politik."

Zurück in Schlesien trifft der Reporter in einem örtlichen Museum für Völkerkunde, einen Mann, der seit 33 Jahren ein Bergbau-Orchester leitet. Das Bergwerk wurde vor 4 Jahren geschlossen. Andrzej kämpft nun um das Überleben des Orchesters - und um einen aussterbenden Lebensstil.

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"Es tut mir weh, wenn ich sehe, dass alles um mich herum zerstört ist. Das ist so. Wir können es nicht wiederaufbauen. Es gibt keine Chance dafür. Niemand konnte vorhersehen, dass so etwas passieren würde", sagt Andrzej Pisarzewski, der Leiter des Wieczorek Bergwerks-Orchesters. "In kürzester Zeit haben die Menschen hier keine Kohle mehr, auch wenn sie über Kohleminen leben. Die Menschen haben keine Kohle mehr, um ihre Öfen vor dem Winter zu befeuern. Es gibt kein Holz. Es gibt nichts."

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