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Auswanderland Albanien: Abwanderung der Massen

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Von Julian GOMEZSabine Sans
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Während der kommunistischen Jahre war Auswandern verboten. Heute sind vor allem Armut und die Suche nach einem besseren Leben Gründe, um ins Ausland zu gehen.

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Abwanderung hat in Albanien eine lange Tradition. Sie geht auf den Beginn der Osmanischen Herrschaft in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück - nach dem Tod von Albaniens Nationalheld Skanderberg 1467. Die Gründe bleiben während der Jahrhunderte ähnlich: politische Unterdrückung, Armut und die Suche nach einem besseren Leben als im "Armenhaus Europas". Am Ende des Zweiten Weltkriegs lag Albanien wirtschaftlich am Boden. Von Ende November 1944 bis 1990 übernahm eine kommunistische Regierung die Macht im Land. Im Laufe dieser Zeit war Auswanderung ohne Erlaubnis verboten und wurde schwer bestraft. Nach 45 Jahren kommunistischer Herrschaft war Albanien ein Land, dessen Bevölkerung zu einem Drittel unter 15 Jahren alt war, es herrschten hohe Arbeitslosigkeit und große Armut. Die beiden letztgenannten Probleme eskalierten in den frühen 1990er-Jahren: Die Schließung von Industrien und landwirtschaftlichen Genossenschaften verursachten eine Massenarbeitslosigkeit, ein rasanter Preisanstieg und hoher Inflation aufgrund wirtschaftlichen Reformen führten erneute zu einer Welle der Massenabwanderug.

Albaner haben die drittgrößte Diaspora-Gemeinschaft der Welt - nach Bosnien-Herzegowina und Guyana. Aber warum? Und was sind die Folgen? Auf der Suche nach Antworten reiste euronews-Reporter Julián López Gómez in den Norden des Landes, in eine der Regionen, die am stärksten von dieser massiven Migration betroffen sind. 

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Julián López Gómez in Kukëseuronews

Fliehen aus der "Geisterstadt"

Kukës wird oft als "Geisterstadt" bezeichnet. Schätzungen zufolge sind bis zu 40 % der Bevölkerung seit dem Ende des Kommunismus 1991 abgewandert. Selbst diejenigen, die zurückkamen, sind bereit, die Stadt wieder zu verlassen. 

Lul Nerguti verließ Albanien mit 20 Jahren. Er ging nach Großbritannien und erhielt einen britischen Pass. Als seine Mutter erkrankte, kam er zurück und investierte in Baumaterialien. Sein Unternehmen steht jetzt kurz vor dem Bankrott. Er sagt, er habe seit 8 Monaten keinen einzigen Auftrag mehr erhalten. 

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Lul Nergutieuronews

"Es ist sehr schwer, denn ich habe viel Geld in den Aufbau dieser Dinge investiert", sagt der Bau-Unternehmer, der seine Rückkehr bereut: _"Ich habe es satt._Manchmal denke ich darüber nach, alles aufzugeben und wegzuziehen. Es spielt keine Rolle, wohin. Einfach weggehen."

Er erzählt weiter: _"Wenn ich den Leuten erzählen würde, dass ich in London gelebt habe, würden sie fragen: Warum bist du zurückgekommen? Als ich in London lebte, habe ich Boris Johnson getroffen. Ich erzählte ihm, dass ich aus Albanien komme. Er sagte: 'Viel Glück'. Ich komme aus Kukës. Wenn ich jetzt jemanden hier in den Büros besuchen will, muss ich dreimal anrufen, um ihn zu treffen. Das ist schwierig." _

Migration als einzigen Ausweg

Das sind die Schwierigkeiten einer Region, in der 20 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Viele sehen in der Migration den einzigen Ausweg. Weniger Menschen bedeuten weniger Geschäft, und so dreht sich die Spirale des Abschwungs - mit schlimmen wirtschaftlichen, sozialen und demographischen Folgen.  

Vor vier Jahren wurden in der örtlichen Entbindungsstation 750 Babys geboren. Heute sieht die Situation anders aus: _"_2021 hatten wir fast 600 Geburten, 2022 etwa 500. Das veranschaulicht den Rückgang der Geburtenrate", so Venezie Doçi, Leiterin der Geburtsabteilung des Krankenhauses in Kukës.  

Zwei Tage vor der Ankunft des Reporters brachte Besnalda Hallaçi, eine 24-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin, ihren ersten Sohn zur Welt. 

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Besnalda Hallaçi, eine 24-jährige Wirtschaftswissenschaftlerineuronews

Sie erzählt: "Meine Schwester lebt in den USA. Ich bin nicht sehr glücklich, dass sie so weit weg lebt. Zum Beispiel war sie nicht zur Geburt ihres Neffen hier."

Venezie Doçi ergänzt: "Die jungen Leute sind weggezogen, haben diese Gegend verlassen. Die Senioren sind fast die einzigen, die in diesem Gebiet geblieben sind."

Der belebteste Ort in der Gegend scheint tatsächlich ein Treffpunkt für Rentner zu sein. Agim Sula erzählt, dass drei seiner vier Kinder im Ausland leben: _"Sie haben keine Arbeit, keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und sind daher gezwungen, das Land zu verlassen. Nicht nur junge Leute, sondern ganze Familien mit Kleinkindern." _

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Agim Sula versteht, warum 3 seiner 4 Kinder im Ausland lebeneuronews

Mit immer wenigeren jungen Beitragszahlern wächst die Sorge um die Zukunft des Sozialversicherungssystems des Landes - und um die eigene Rente. 

"All die Menschen, die sich für die Abwanderung entscheiden, sind Arbeitskräfte, junge Männer und Frauen", so der Rentner Hamdi Sokoli. "Sie sollten bleiben, um dieses Land aufzubauen, anstatt nach Deutschland oder Italien zu gehen." 

Lavdrim Shehu, ein Rechtsexperte für Migration, arbeitet auch ehrenamtlich für eine NGO, die Mittel bereitstellt, dass die Jugend bleibt. Das Land sitze auf einer Zeitbombe, eine ganze Generation sei bereits verloren, meint er:

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Laut Lavdrim Shehu sitzt das Land auf einer Zeitbombeeuronews

"Wenn die Behörden keine Aktivitäten in den Schulen unterstützen, sei es in Bezug auf Logistik, Material, Sport, Kreativität, Kunst, Musik, dann werden sich die Menschen in ihrer Heimat, ihrer Schule, ihrem Haus nicht mehr wohl fühlen. Sie werden sich nach etwas anderem umsehen."

Das zeigt bereits die Realität: In Schulen, die für 300 Schüler gedacht sind, gehen Berichten zufolge nur 50.  

In der Stadt gab es eine lokale Zweigstelle der Universität Tirana. Sie wurde wegen des Mangels an Studenten und Geldmitteln geschlossen. Valbona Elezaj hat dort Wirtschaftswissenschaften studiert. Sie trifft noch oft einen ihrer ehemaligen Professoren. Sie kennt viele Migrationsgeschichten: 

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"Vor ein paar Wochen war ich überrascht, als ich beim Einkaufen erfuhr, dass die Besitzer in die USA gegangen waren, um ihren Kindern ein besseres Leben zu bieten. Sie hatten keinen Grund dafür; sie hatten ihr eigenes Geschäft, ließen aber alles hier zurück und wanderten aus, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen."

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Valbona Elezaj kennt viele Migrationsgeschichteneuronews

Albanien tut viel, um seine Bürger zu halten

Im Rathaus lehnt der Bürgermeister das Etikett "Geisterstadt" kategorisch ab.  Lokale und nationale Behörden seien sich der Probleme bewusst - es werde aktiv an Lösungen gerarbeitet: 

"Wir helfen jungen Menschen, die zwei, drei oder fünf Jahre als Migranten in England, Deutschland oder anderswo gearbeitet haben", so Bürgermeister Safet Gjici. "Wir erleichtern ihnen die Rückkehr, indem wir ihnen ein bis drei Jahre lang die lokalen Steuern erlassen. Außerdem gibt es eine Starthilfe von 5000 Euro.__"

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Der Bürgermeister lehnt das Etikett "Geisterstadt" abeuronews

Auch im Privatsektor gibt es Bemühungen, die Abwanderung zu stoppen. Im Bekleidungsgeschäft Miko Tekstil sind 90 Frauen beschäftigt. Einige von ihnen sind gerade aus Deutschland oder Italien zurückgekehrt, wo sie keine legale Arbeit fanden.  

"Wir gingen ins Ausland für ein besseres Leben. Dort ist die Lebensqualität höher", so Arbeiterin Nadire Gashi. "Wir haben unser Bestes getan, aber unsere Möglichkeiten waren begrenzt."

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Näherin Nadire Gashi kehrte nach Albanien zurückeuronews

Ihre Kollegin Mirela Elezay erzählt: "Ich arbeite, aber mein Mann ist arbeitslos. Ein Gehalt reicht nicht für eine Familie."

Die Managerin Majlinda Dullaj erklärt: "Unser Ziel ist es, die Menschen zu halten, damit sie hier arbeiten, anstatt ins Ausland zu gehen. Auch ausländische Unternehmen haben bereits Interesse bekundet. Die Verhandlungen gehen weiter. Unser Ziel ist es, eine weitere Fabrik wie diese zu eröffnen. Vielleicht für Männer, vielleicht für die Herstellung anderer Produkte." 

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Managerin Majlinda Dullaj blickt positiv in die Zukunfteuronews

Die Jugend steht am Scheideweg

In Tirana, der Hauptstadt des Landes, ist die wirtschaftliche und soziale Lage etwas besser, aber auch dort steht die Jugend an einem Scheideweg.   

Albanien hat 2009 einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt. Die Verhandlungen haben erst 2022 begonnen und werden lange dauern, die Jugend ist ungeduldig, wünscht sich eine engere Bindung an Europa.     

"Es gibt Länder in Europa, in unserer Nachbarschaft, in denen die wirtschaftliche Lage, die Bildung, die Demokratie, die Integrität besser sind, es weniger Korruption, organisiertes Verbrechen und Drogenprobleme gibt", so Literaturstudent Gentjan Tufa. _"Die Perspektive unseres Landes ist so verkorkst, dass wir kein Licht am Ende des Tunnels sehen." _

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Literaturstudent Gentjan Tufa sieht kein Licht am Ende des Tunnelseuronews

Ohne Fortschritt, sagen diese Studenten, werden Jugendliche wie sie weiterhin in Europa suchen, was sie hier nicht finden. Sie plädieren für dringende Veränderungen in der Politik, der Sozialethik und vor allem im Bildungssystem.  

"Wenn man ein Land zerstören will, zerstört man seine Bildung. Im Grunde genommen zerstört man seine Wurzeln. Ich erwarte von meiner Regierung, dass sie in die Bildung investiert. Nicht nur auf hohem Niveau, nicht nur in die Hochschulbildung, sondern von Anfang an."
Dragana Kurti
Studentin im Fachbereich Internationale Beziehungen
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Dragana Kurti erwartet, dass ihr Land in Bildung investierteuronews

Zuletzt trifft der Reporter junge Fußballspieler. Ihr Trainer hat 5 Jahre lang miterlebt, wie Dutzende die Mannschaft verließen, weil sie mit ihren Eltern ins Ausland zogen. 

"Die Jugend ist der Treibstoff einer jeden Nation."
Arli Dylçe
Fußballtrainer

Der Fußballtrainer Arli Dylçe meint: _"Die Jugend ist es, die jedem Land Erfolg bringt. Mir macht dieses Thema große Sorgen, in unserem Land müssen viele Dinge in Ordnung gebracht werden, damit unsere Jugend hier an die europäische Jugend anschließen kann."  _

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