2025 gab es weltweit 324 erfolgreiche Raketenstarts, 165 durch SpaceX. Die Europäer brachten es auf 8 Starts. Die EU sollte von den USA lernen, die in der Raumfahrt wieder erfolgreich wurden, als sie Privatfirmen mehr Raum gegeben haben, so Dr. Rainer Zitelmann in einem Gastbeitrag für Euronews.
Elon Musks Unternehmen SpaceX hat seinen Börsengang für voraussichtlich Juni 2026 angekündigt und plant, 50 Milliarden Dollar einzusammeln. Das wäre der mit Abstand größte Börsengang der Geschichte. Im vergangenen Jahr gab es 324 erfolgreiche Raketenstarts weltweit, davon entfielen allein 165 auf SpaceX.
Wäre SpaceX ein Land, wäre es die Nr. 1 – vor China, das 88 erfolgreiche Starts absolvierte. Die Europäer brachten es gerade mal auf insgesamt 8 Starts.
Zum Vergleich: Allein das private Unternehmen Rocket Lab des Neuseeländers Peter Beck brachte es auf 21 Starts.
Was läuft falsch in Europa? Und was können wir von den Amerikanern lernen?
Europa macht die gleichen Fehler wie die NASA
Wir machen in Europa immer noch die gleichen Fehler, die die Amerikaner in der Ära des Space Shuttle gemacht haben. Ökonomisch war das Shuttle, das das Nachfolgeprojekt nach der Mondlandung war, ein totales Desaster. Ursprünglich wurden für die Entwicklung der Rakete Kosten von 4,5 bis 5 Milliarden Dollar kalkuliert.
Die laufenden Kosten pro Flug wurden nach unterschiedlichen Schätzungen auf 5 bis 10 Millionen Dollar geschätzt. Die Kosten hatte man sich schöngerechnet, indem einfach die Annahme über die Zahl der Flüge pro Jahr ständig erhöht wurde, von zunächst acht bis zwölf Flügen im Jahr auf schließlich bis zu 140 Flügen im Jahr, also etwa drei Mal in der Woche.
Die Logik ist einfach: Je höher die Zahl der kalkulierten Flüge, desto günstiger würde jeder Flug.
Nach dem Space Shuttle kam der Durchbruch der privaten Raumfahrtindustrie
Tatsächlich flog das Shuttle jedoch in den 30 Jahren seines Einsatzes, von 1981 bis 2011, nur 135 Mal. Nach zwei Unfällen mit 14 Toten wurde das Programm eingestellt. Erst danach erfolgte der Durchbruch der privaten Raumfahrtindustrie in den USA, also von Unternehmen wie SpaceX.
Warum? Der Top-Experte Matthew Hersch von der Harvard University schreibt, dass das staatliche Space Shuttle-Programm lange die Entwicklung einer privaten Raketenindustrie verhinderte: "Anstatt den Weltraum zu erforschen, ersetzte die NASA den noch in den Kinderschuhen steckenden freien Markt für Startdienste durch einen einzigen staatlichen Anbieter, der teure, unzuverlässige Raketen von wichtigen Rüstungsunternehmen kauft, die von politischen Entscheidungsträgern ausgewählt wurden, um dann die Flüge für bevorzugte Nutzer unterhalb der Kostendeckung anzubieten, wodurch der Wettbewerbsdruck, der zu einer Verbesserung der Technologie hätte führen können, zunichte gemacht wurde."
Die Amerikaner lernten daraus und gaben die Devise aus, dass der Staat in der Raumfahrt nur noch Dinge machen solle, die private Unternehmen wirklich nicht können – und das ist nicht sehr viel.
Die NASA ist heute einer von vielen Kunden von Unternehmen wie SpaceX, das allerdings nicht mehr als zehn Prozent des Umsatzes mit der NASA macht.
Europa muss privaten Unternehmen mehr Raum geben
Europa muss diesen Schritt erst noch tun, sich aus bestimmten Bereichen zurückziehen und den privaten Unternehmen damit mehr Raum geben. Ein Beispiel: Planet Labs ist ein privates Raumfahrtunternehmen mit etwa 1000 Mitarbeitern in Berlin und San Francisco, dessen 200 Satelliten mehrere Millionen Fotos machen, die das Unternehmen dann Regierungen, Medien und Unternehmen als Subscription-Service anbietet.
Häufig nutzen auch Journalisten die Fotos zur Recherche, wie man beispielhaft an einem BBC-Bericht vom Juli 2024 sieht, der vor einer sich anbahnenden humanitären Krise im Norden Äthiopiens warnte. BBC hatte Satellitenbilder analysiert, die zeigten, dass die Stauseen und die von ihnen bewässerten Felder ausgetrocknet waren.
Besonders nachgefragt wird Erdbeobachtung durch Satelliten
Besonders deutlich wird dies in Bereichen wie Landwirtschaft oder Versicherungen. Versicherungen nutzen beispielsweise Erdbeobachtung zunehmend für Risikobewertungen von sich schnell verändernden Umweltbedingungen, zur Schadensregulierung nach Naturereignissen sowie zur Betrugsprävention.
Planet ist nicht das einzige Unternehmen, das in diesem Segment tätig ist. In der Raumfahrtindustrie spricht man von Erdbeobachtung oder Fernerkundung. In kaum einem Bereich gibt es so viele Startups, was daran liegt, dass man auf diesem Gebiet schon Geld verdienen kann und nicht erst in einer entfernten Zukunft wie etwa mit Asteroid Mining.
Ein Problem ist jedoch, dass die EU Leistungen kostenlos anbietet oder vermehrt anbieten will, für die Kunden von Unternehmen wie Planet Labs bezahlen. In den USA geht die Tendenz seit Jahren dahin, dass sich die NASA aus Bereichen zurückzieht, die ebenso gut Private anbieten können.
Anders ist es in der EU. Ein Beispiel ist das Copernicus-Programm der Europäischen Kommission. Copernicus, zuvor Global Monitoring for Environment and Security genannt, ist ein im Jahr 1998 gemeinsam von der Europäischen Kommission und der ESA gegründetes Erdbeobachtungsprogramm. Die Satellitenfamilie Sentinel-2 besteht aus einer Konstellation von mittlerweile drei Satelliten – Sentinel-2A, Sentinel-2B und Sentinel-2C –, die jeweils Bilder mit einer Auflösung von etwa zehn Metern pro Pixel der Erdoberfläche liefern.
Sentinel-2 überwacht regelmäßig die Landoberflächen der Erde, einschließlich Vegetation, Wasserflächen und Küstengebiete, und liefert Daten zur Überwachung des Klimawandels und der Umwelt. Die drei Satelliten sind so positioniert, dass sie alle drei Tage die Erdoberfläche scannen und regelmäßig aktualisierte Daten liefern können.
Die nächste Stufe ist das Sentinel-2 Next Generation Programm, eine geplante Weiterentwicklung der aktuellen Sentinel-2-Satelliten.
Ziel dieser neuen Generation ist es, die bestehenden Fähigkeiten zu verbessern, insbesondere durch eine höhere räumliche Auflösung und eine erhöhte Wiederholrate von täglichen Bildaufnahmen. Das würde eine ernsthafte Konkurrenz zu privaten Unternehmen darstellen, denn die Sentinel-2-Daten sind öffentlich und kostenlos verfügbar, während Unternehmen wie Planet Labs die Daten kommerziell anbieten.
Hier zeigt sich, wie schädlich es ist, wenn der Staat mit Steuergeld in Milliardenhöhe Dinge macht, die ebenso gut oder besser Private zu einem Bruchteil der Kosten erledigen können. Er bietet Leistungen vermeintlich "kostenlos" an, für die der Steuerzahler bezahlt, und tritt damit in einen unfairen Wettbewerb mit privaten Unternehmen – so wie das seinerzeit beim Space Shuttle war, das die Entwicklung einer privaten Launch-Industrie massiv behindert hat.
Die EU sollte nicht versuchen, das Rad neu zu erfinden, sondern von den USA lernen, die – nach Jahrzehnten der Stagnation in der bemannten Raumfahrt – erst in dem Moment wieder erfolgreich wurden, wo sie privaten Unternehmen mehr Raum gegeben haben. Das Ergebnis ist beeindruckend: SpaceX hat die Kosten, um 1 Kilogramm ins All zu bringen, im Vergleich zum Space Shuttle um 95 Prozent reduziert.
Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Historiker und Soziologe sowie Autor von 31 Büchern, die in 35 Sprache erschienen sind. Sein neuestes Buch "Weltraumkapitalismus" erscheint im März.