Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Kriegsgeprüftes Georgien: Angst vor russischem Lieferstopp

Access to the comments Kommentare
Von su  mit dpa
euronews_icons_loading
Kriegsgeprüftes Georgien: Angst vor russischem Lieferstopp
Copyright  DANIL SEMYONOV/AFP

Rund 80 % des Importweizens in Georgien stammt aus dem Nachbarland Russland. Georgien hat sich den weltweiten Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen, daher wurde der Handel mit dem nördlichen Nachbarn bisher nicht gestört. Der Ukrainekrieg könnte jedoch einen plötzlichen Bruch der Lieferkette provozieren - das Land hat Anfang März einen offiziellen Antrag auf eine EU-Mitgliedschaft beim Rat eingereicht.

Bei vielen der 3,7 Millionen Georgier (2019) kommen auch traumatische Erinnerungen an den Kaukasuskrieg 2008 hoch, als russische Truppen aus dem Nordkaukasus in den Kampf um Südossetien eingriffen.

Russlands Exportanteil auf dem georgischen Markt beträgt 11%, Rang zwei nach der Türkei.

BROT

Levan Silagava, Verband der Weizen- und Mehlproduzenten:

“The main principle is the existence of reserves. If you posses’ sufficient reserves, cancelling import from any country, including unfriendly states such as Russia, should not be a problem. We have two months’ worth of reserves and also time to switch to other importing countries without any issues whatsoever”

„Das A & O sind Reserven. Wenn Sie über ausreichende Reserven verfügen, sollte es kein Problem sein, den Import aus jedem Land, einschließlich unfreundlicher Staaten wie Russland, auszugleichen. Wir haben Reserven für zwei Monate und auch Zeit, problemlos auf andere Importländer auszuweichen.“

Ein russischer Lieferstopp von Weizen und Mehl hätte sicher negative Auswirkungen auf die georgischen Bürger, meint die georgische Parlamentsabgeordnete Eka Sepashvili (parlamentarischer Ausschuss für Wirtschaft und Wirtschaftspolitik):

„Die Bürger Georgiens würden es sicher merken, wenn es kein importiertes Brot, Weizen, Buchweizen, Nudeln, Margarine und Sonnenblumenöl mehr gibt. Dies trifft direkt ihre wirtschaftliche Lage. Dann können wir anfangen, über Inflation und  Abwertung der georgischen Währung zu diskutieren.“

ENERGIE

Georgien kauft auch Energieressourcen in Russland. Russland ist nach Aserbaidschan der größte externe Lieferant von Energieprodukten an Georgien. Beim Import-Öl kam Russland in Georgien im vergangenen Jahr auf 20% Anteil. Erdgas- und Ölprodukte muss Georgien importieren. Seine einzige erhebliche interne Energieressource ist die Wasserkraft.

POLITIK

Seit 2004 ist Georgien mit der NATO durch einen „Individual Partnership Action Plan (IPAP)“ verbunden, spätzer wurde daraus ein „Intensiver Dialog (ID)“. Das Land hat Anfang März einen offiziellen Antrag auf eine EU-Mitgliedschaft beim Rat eingereicht und ist Mitglied der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und des Europarates.

WIRTSCHAFT

Die Wirtschaft Georgiens dreht sich traditionell um den Tourismus am Schwarzen Meer, den Anbau von Zitrusfrüchten, Weintrauben, Tee, den Abbau von Mangan und Kupfer sowie den Ertrag eines kleinen industriellen Sektors, der Wein, Metalle, Maschinen, Chemikalien und Textilien produzierte. Den Großteil seines Energiebedarfs produziert das Land inzwischen durch Wasserkraft selbst, Naturgas- und Ölprodukte muss Georgien importieren. Seine einzige erhebliche interne Energieressource ist die Wasserkraft.

EX-SOWJETREPUBLIK

Nach der Auflösung der UdSSR 1991 erlitt Georgien von allen Sowjetrepubliken den schwersten Wirtschaftskollaps. Die Schwerindustrie erhielt keine Zulieferungen mehr. Flugzeugteile, militärische Elektronik, Elektrolokomotiven, Computer, Lastwagen, Tee, Zitrusfrüchte, Wein und Mangan fanden keine Abnehmer. Viele Betriebe wurden stillgelegt. Die Produktion in Industrie und Landwirtschaft ging zurück. Das Produktionsvolumen rutschte bis 1994 auf ein Viertel des Niveaus von 1989. Die Arbeitslosigkeit in der Hauptstadt Tiflis stieg auf 40 %.

KAUKASUSKRIEG

Der Kaukasuskrieg 2008 war ein militärischer Konflikt im Südkaukasus zwischen Georgien auf der einen und Russland sowie den von Russland unterstützten, international nicht anerkannten Republiken Südossetien und Abchasien auf der anderen Seite. Der Konflikt wurde auf georgischem Staatsgebiet ausgetragen.

Zuvor hatte Russland bereits Truppen in das Gebiet verlegt und Schritte zur Annexion vorbereitet. Die offenen Kampfhandlungen zwischen Soldaten der georgischen Armee und südossetischen Milizverbänden begannen im Juli 2008 und eskalierten in der Nacht zum 8. August, als georgische Einheiten eine Offensive zur Rückgewinnung der Kontrolle über die ganze Region begannen. Daraufhin griffen aus dem Nordkaukasus russische Truppen ein, drängten die georgische Armee zurück und rückten bis ins georgische Kernland vor. Bis zum Waffenstillstand am 12. August wurden insgesamt etwa 850 Menschen getötet und bis zu 3.000 Menschen verwundet.

su mit dpa